Wordsmiths: Ilona Riesen

Rüsterweg featuring wordsmiths: fünfte Ausgabe in der Reihe.

In der Reihe “wordsmiths” gebe ich Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, sich als Profi im Sprachenbereich zu präsentieren. Den Auftakt hatte Jessica Link gemacht, danach stellten sich Sabine Ide, Sergio Paris und Heather McCrae meinen Fragen.

Heute ist Ilona Riesen meine Interviewpartnerin.

Ilona, man trifft dich in ganz unterschiedlichen Kontexten: als Übersetzerin, Übersetzungsdozentin, Lehrbuchautorin und als Projektmanagerin. Kannst du uns bitte ein wenig einordnen?

Mein Herz schlägt eindeutig fürs Übersetzen und Schreiben. Da ich aber sehr umtriebig bin und ständig neue Impulse suche, schaue ich auch gerne über den Tellerrand des eigentlichen Übersetzens. So kam es, dass ich in den vergangenen acht Jahren – seit meinem Quer- bzw. Neueinstieg im Übersetzerberuf – viele verschiedene sprachbezogene Tätigkeiten ausgeführt habe. Meistens parallel zueinander. Weil es mir Spaß macht.

Ich fange mal mit dem Einstieg an: Ich bin in der estnischen Hauptstadt Tallinn geboren, meine zahlreichen multikulturellen Lebensstationen dazwischen überspringe ich. Jedenfalls habe ich mich nach dem Schulabschluss mit voller Überzeugung für ein Übersetzungs- und Dolmetschstudium Russisch <> Englisch und Deutsch in Weißrussland eingeschrieben. Mitten im Studium sind wir nach Deutschland ausgewandert. Hier konnte ich mein geliebtes Übersetzungsstudium aus formellen Gründen nicht ohne Umwege fortsetzen. Also beschloss ich, einen pragmatischen Weg einzuschlagen: So kam ich an ein Diplom in Wirtschaftspädagogik und habe nach dem Studium 11 Jahre in der Wirtschaftsforschung gearbeitet.

Anfangs war alles aufregend, und ich lernte unglaublich viel. So durchlief ich auch eine echte wissenschaftsjournalistische „Schreibschule“. Der Job stellte mich aber dann doch nicht zufrieden. Ich wollte wieder übersetzen. Also habe ich mich umgeschaut und beschloss, eine IHK-Übersetzerprüfung abzulegen. Auf die Prüfung habe ich mich an einer kleinen Sprachschule in Düsseldorf vorbereitet. Nach der Prüfung hielt mich nichts mehr in meinem Wissenschaftsjob. Ich übernahm die Sprachschule, modernisierte den Übersetzerkurs (da kamen mir meine wirtschaftspädagogische Qualifikation und die Erfahrungen in der Wirtschafts- und Bildungsforschung sehr zugute) und übersetzte, dolmetschte, unterrichtete, schrieb – und wurde so nach und nach zu einer echten Übersetzungsunternehmerin. Jedenfalls fühle ich mich wie eine. Das bin ich nach wie vor, obwohl ich seit Herbst 2020 angestellt bin. Das Portfolio meines Arbeitgebers hat viele Überschneidungen mit meinem freiberuflichen Portfolio. So werden beispielsweise meine Übersetzerkurse über das von mir aufgebaute Online-Bildungsportal meines Arbeitgebers angeboten, und ich entwickle jetzt gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen neue Kurse, die ich alleine nicht hätte stemmen können. Also bin ich im Moment vorwiegend Übersetzerin, Autorin, Projektmanagerin und Kursentwicklerin.

Wie verbindest du das Übersetzen und Unterrichten miteinander? Viele Übersetzer sind ja eher öffentlichkeitsscheu. Unterrichten bedeutet aber meist im Mittelpunkt zu stehen …

Nun, erstens sind bei Weitem nicht alle Übersetzer öffentlichkeitsscheu. 😉 Aber im Ernst: Übersetzen und Unterrichten haben für mich einiges gemeinsam. Ich verstehe unter Übersetzen mit seiner üblichen Definition als schriftliches Übertragen von Inhalten aus einer Sprache in eine andere Sprache viel mehr als „nur“ Übersetzen eines Textes z. B. aus dem Russischen ins Deutsche. Unterrichten ist für mich auch „Übersetzen“. Denn dabei muss ich auch Inhalte für die Zielgruppe verständlich verpacken – also in die Sprache meiner KursteilnehmerInnen übersetzen. Auch technisch gesehen ist das Erstellen eines Onlinekurses für mich nichts anderes als das Übertragen der Inhalte aus meinem Kopf und anderen Quellen auf eine Plattform mittels der zur Verfügung stehenden Werkzeuge – und zwar auf die Art und Weise, dass die KursteilnehmerInnen dadurch auf eine didaktisch sinnvolle, aber auch motivierende und inspirierende Art und Weise dazu bewegt werden, sich das notwendige Wissen anzueignen und anzuwenden.

Was ist für dich erfüllender – freiberuflich oder angestellt zu arbeiten? Und was würdest du angehenden Übersetzern und Übersetzerinnen empfehlen?

Rückblickend finde ich meinen eigenen Weg, so wie er war, zwar etwas „unruhig“ – mal war ich Vollzeitangestellte, mal Teilzeitangestellte und Freiberuflerin, dann Vollzeitselbstständige und dann wieder mal in Teilzeit mal in Vollzeit angestellt. Aber in jeder Station habe ich einiges gelernt und konnte es später wirklich sehr gut dazu nutzen, weiterzukommen, zufriedener und wohl auch weiser zu werden.

Und das ist meines Erachtens der Knackpunkt: Man sollte die Tätigkeitsart für sich wählen, die einen zufrieden macht. Nicht jeder ist gern selbstständig und damit ein Vollblutunternehmer. Es macht nicht jedem Spaß, für alles selbst verantwortlich zu sein, den eigenen Tag selbst strukturieren zu müssen, sich ausschließlich selbst darum kümmern zu müssen, dass man einerseits ausgelastet ist und andererseits im Urlaub tatsächlich frei hat. Auf der anderen Seite kann man auch in der Anstellung die unternehmerischen Fähigkeiten und Fertigkeiten durchaus gut gebrauchen. Aber man muss allerdings auch in der Lage sein, sich an die bestehenden Unternehmensstrukturen anzupassen und auch mal Kollegen zu vertreten.

Es gibt bei den beiden Tätigkeitsarten subjektiv gesehen mehrere Vor- und Nachteile. Das muss jeder für sich selbst herausfinden. Aus meiner Sicht ist es aber wichtig, dass man als Freiberufler auch mal ein Unternehmen von innen kennengelernt hat und weiß, wie große und kleine Unternehmen funktionieren, wie Menschen in der „Angestelltenwelt“ denken, miteinander, mit Kunden und Lieferanten kommunizieren, wie das (Fach-) Übersetzen in der Wertschöpfungskette eingeordnet wird. Besonders wichtig ist für Fachübersetzer auch das Expertenwissen in den gewählten Fachgebieten. Natürlich kann man sich das Wissen aus Büchern und dem Internet „zusammenlesen“. Aber nichts führt zu so einem tiefen Verständnis einer Materie wie die Fachpraxis. Das hilft in der freiberuflichen Tätigkeit ungemein, mit den Kunden auf gleicher Augenhöhe zu sprechen und überhaupt passende Kunden zu finden.

Der kleine Bono ist inzwischen groß und wiegt 42 Kilo.

Eine Frage zu deinen Erfahrungen als Übersetzerin und Dolmetscherin: Gab es da besondere – auf die positive oder negative Weise – Erlebnisse?

Oh ja, selbstverständlich, wie wohl bei jedem von uns. Hier ein paar Beispiele: Von einer Industrie- und Handelskammer wurde ich dank meiner Spezialisierung auf das Berufsbildungswesen im Rahmen eines internationalen Bildungsaufbauprogramms als Übersetzerin und Dolmetscherin beauftragt. So flog ich mehrfach mit den Berufsbildungsberatern nach Kasachstan, wo Erfahrungen aus dem deutschen dualen System implementiert werden sollten. Einmal waren wir eine Woche lang in Shymkent in einem 5-Sterne-Hotel – mit Pool, mehreren verschiedenen Saunen usw. – untergebracht. Allein das war schon ein Highlight. Aber viel schöner und unvergleichlich war die Gastfreundschaft unserer Gastgeber: Wir wurden unglaublich großzügig bewirtet, durch die Stadt gefahren, über die Stadtgeschichte informiert usw. Am Ende schrieb ich u. a. darüber sogar in einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung: Marktstudie Kasachstan für den Export beruflicher Aus- und Weiterbildung.

Ein weiteres Erlebnis: Ein potenzieller Übersetzungskunde, für den ich nicht arbeiten konnte, da er die Übersetzung schneller brauchte, als meine anderen Aufträge es zuließen, schickte mir das herausgegebene Buch nachträglich zu und schrieb, dass er besser mich beauftragt hätte.

Und schließlich ein Erlebnis aus der Urkundenübersetzungswelt: Einmal wurde ich beauftragt, 24 Personenstandsurkunden aus einem Familienverbund zu übersetzen – Geburts-, Heirats- und Adoptionsurkunden. Diese offenbarten mir eine unglaublich spannende, verworrene – und wohl auch tragische – Geschichte, die über Jahrzehnte ging. Ich denke immer wieder darüber nach, die Kundin wieder anzuschreiben und zu fragen, ob ich ein Interview mit ihr führen darf, um ihre Geschichte in einem Roman zu Papier zu bringen. Das ist gerade aktuell, da sie mich wieder nach einem Angebot zur Übersetzung von Urkunden fragt …

Letzte Frage: Hast du berufliche Zukunftspläne, die du mit uns teilen möchtest?

Ich trage mich gerade mit ein paar Ideen für neue Kurse. Viel möchte ich noch nicht verraten. Nur so viel: Corona und Globalisierung führten zu noch mehr Digitalisierung und Internationalisierung und machten weder vor dem Übersetzen noch vor traditionellem Handwerk und Handarbeit Halt. Eventuell gibt es da eine Brücke, die man digital-didaktisch bauen kann. Und in den nächsten Jahren möchte ich unbedingt weitere Bücher – auch abseits der Übersetzerausbildung – schreiben.

Herzlichen Dank, liebe Ilona, für diese Einblicke.

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