Wordsmiths: Sabine Ide

Rüsterweg featuring wordsmiths: zweite Ausgabe in der Reihe.

In dieser Reihe gebe ich Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, sich zu präsentieren. Nachdem Jessica Link den Anfang gemacht hatte, stellt sich heute Sabine Ide meinen Fragen.

Sabine, deine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch und Spanisch. Hat die Tatsache, dass Englisch nicht zu deinen Arbeitssprachen zählt, jemals ein Manko im Kundenkontakt dargestellt?

Das ist ja gleich eine interessante Frage! Tatsächlich wundern sich meine Kunden oft, dass ich nicht mit Englisch arbeite. Die meisten Leute scheinen zu glauben, dass alle Übersetzer (*) automatisch immer (auch) mit Englisch arbeiten und sind oft sehr erstaunt, wenn sie hören, dass ich Englisch nicht anbiete. Für mich hat sich die Tatsache, dass Englisch nicht zu meinen Arbeitssprachen gehört, aber noch nie als nachteilig erwiesen. Wenn ich auch zugeben muss, dass mir so mancher technische Fachtext vermutlich ein paar Problemchen bereiten würde, wenn ich nicht auch Englisch spräche. Technische Texte enthalten nämlich oft eine ganze Menge englischer Einsprengsel.

Du hast dich auf das Fachgebiet Technik konzentriert. Wie kam es dazu und wie breit ist dein Spektrum an technischen Themenbereichen?

Das war zunächst einmal eher Zufall: Ich fand gleich nach dem Studium eine Anstellung bei einem namhaften Anlagenbauer. Dort lernte ich das Arbeiten mit technischen Texten und mein Hauptfachgebiet – die Brau- und Getränketechnologie – kennen und lieben. Ich liebe es bis heute, kniffelige technische Sachverhalte zu recherchieren und zu knacken. Im Wesentlichen konzentriere ich mich auf die Themenbereiche, in denen ich viel Erfahrung habe – denn Qualität liegt mir am Herzen! Wenn ich eine Anfrage aus einem neuen, „benachbarten“ Fachgebiet bekomme, prüfe ich daher sehr genau, ob ich auch hier eine hochwertige Übersetzung liefern kann. Da ich sehr neugierig und wissbegierig bin, freue ich mich immer über neue Übersetzungsthemen. So erweitert sich mein Fachspektrum langsam, aber stetig. Man lernt nie aus …

Du schreibst auf deiner Website: „Profi ist, wer weiß, wann er wen fragen muss“. Kannst du diese Aussage erläutern?

Da kann ich direkt an die vorherige Antwort anknüpfen: Man lernt nie aus. Oder, um es frei nach Sokrates zu sagen: „Ich weiß, dass ich nicht alles weiß.“ Niemand kann alles wissen. Das macht aber nichts, solange ich weiß, wie und wo ich mir die fehlenden Informationen verschaffen kann. Dazu ist es sehr hilfreich, mit Menschen in den verschiedenen Fachbereichen vernetzt zu sein, mit denen man fachliche Fragen oder Ungereimtheiten diskutieren kann. Wenn ein Übersetzer beim Kunden oder Autor nachfragt, bis er alle Unklarheiten beseitigt hat, heißt das nicht unbedingt, dass er sein Metier nicht beherrscht, sondern, dass er Profi ist, der eine hieb- und stichfeste Übersetzung liefern wird.

Welche Tipps möchtest du jungen Menschen, die in Erwägung ziehen, den beruflichen Weg des selbstständigen Übersetzers einzuschlagen, geben?

Da sind wir ja schon wieder beim Lernen und Wissen. Ja, es stimmt schon: Wissen ist Macht! Das gilt ganz besonders für uns Übersetzer. Um einen Text übersetzen zu können, muss der Übersetzer ihn zu 100 % verstehen. Übersetzen heißt verstehen! Deshalb empfehle ich selbständigen Übersetzern dringend, sich zu spezialisieren, am Besten auf Themen, die den persönlichen Interessen entsprechen. Schließlich verbringen wir sehr viel Zeit mit Recherche und Lektüre zu diesen Fachgebieten. Mit fundiertem Fachwissen und einer guten Portion Neugier auf neues Wissen gelingt die Positionierung am Markt als Übersetzungsprofi.

Was ist deiner Meinung nach besonders wichtig, wenn man selbstständig tätig ist?

Als selbständiger Übersetzer ist man nicht nur Übersetzer, sondern auch Unternehmer. Und das ist genau das, was so manchem von uns schwerfällt. Vielleicht, weil wir es in der Ausbildung nicht lernen, oder weil viele von uns eher introvertierte Menschen sind? Ein erfolgreicher selbständiger Übersetzer (und damit Unternehmer!) ist auch sein eigener Marketing- und  Finanzstratege und muss unternehmerisch denken und handeln. Und auch ein Blick über den Tellerrand lohnt sich immer: Aktives Networking ist unerlässlich, um sich für Kunden, aber auch Kollegen, sichtbar zu machen.

Wie siehst du die Zukunft unserer Branche? Bist du angesichts der Fortschritte im Bereich KI (Künstliche Intelligenz) besorgt?

Da sprichst Du ein interessantes Thema an! Tatsächlich werde ich in letzter Zeit öfters gefragt, ob ich als Übersetzerin demnächst überflüssig werde. Besorgt bin ich da eigentlich nicht, eher neugierig. Denn die KI hat unsere Branche ja längst erreicht, Veränderungen sind bereits zu beobachten, und unser Berufsbild wird weitere Wandlungen erfahren. KI ist eine tolle Sache, in vielen Bereichen liefert sie inzwischen erstaunlich gute Ergebnisse. Aber gerade in der Sprache mit all ihrer Komplexität, ihren Nuancen, ihrer Mehrdeutigkeit stößt sie an ihre Grenzen, denn Sprache ist nun mal nicht unbedingt immer logisch. Besonders bei Fachtexten funktioniert eine fachlich korrekte und stilsichere Übersetzung also noch nicht ohne die Mitarbeit eines menschlichen Übersetzers oder Korrektors, der wirklich alle Facetten eines Textes richtig erfassen und übertragen kann. KI wird die Arbeit von uns Übersetzern also nicht ersetzen –  jedenfalls nicht in näherer Zukunft – sicher aber nachhaltig verändern. Die Frage lautet also eigentlich nicht „maschinelle Übersetzung ODER menschliche Übersetzung“, sondern „maschinelle Übersetzung UND menschliche Übersetzung“ – und das ist eine wirklich spannende Sache!

Was gefällt Dir an deinem Beruf besonders?

Zunächst gefällt mir natürlich das Verbindende. Übersetzer und Dolmetscher bringen Menschen, Firmen und Projekte zusammen, weil mit ihrer Hilfe Worte und Ideen über (Sprach-) Grenzen hinweg fließen können. Aber es gibt noch einen Aspekt, der mich immer wieder fasziniert: Ich lerne beim Arbeiten quasi ganz von selbst ständig dazu. Und das nicht nur, wenn ich technische Schulungen übersetze oder dolmetsche. All die interessanten, völlig verschiedartigen Projekte bieten immer wieder neue Themenbereiche, in die ich mich mit akribischer Recherche einarbeite. Es ist unglaublich, wieviel Neues ich dabei immer wieder lerne! Wirklich der ideale Beruf für notorische Besserwisser … 😉.

Ganz herzlichen Dank, liebe Sabine, für diese Einblicke.

(*) Im Hinblick auf eine bessere Lesbarkeit wird das generische Maskulinum verwendet.

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