5 Kollegen zum Sinn des Übersetzens

Roundup zum Sinn des Übersetzens

Im Mai 2020 regte eine Kollegin an, „den Sinn der Arbeit des Übersetzers“ in einem Blogpost auf Rüsterweg zu thematisieren. Das tat ich hier, allerdings allein aus meiner Sicht.

Zur “Ergänzung” – wobei die Frage nie ganz abschließend bearbeitet werden kann – bat ich im Kollegenkreis um weitere Einschätzungen. Hierfür mein herzliches Dankeschön.

 

Andrea Bernard: Die fremde Haut

Bevor wir übersetzen, kommt das Erlernen der Sprache. Einer anderen Kultur. Mitte der Neunziger war ich einige Jahre in Tokio. Überall trug ich mein Wörterbuch mit mir herum und blätterte darin: Wie würde man dieses oder jenes wohl auf Japanisch sagen? Sogar die Bedienungsanleitung meiner Toilette war plötzlich ein Abenteuer. Genauso wie der Anrufbeantworter.

Mit der Zeit bemerkte ich, dass die japanische Sprache auf mich „abfärbte“: Ich wurde freundlicher, weiblicher, kindlicher. Und ich entschuldigte mich mehr. Verließ ich ein Geschäft, entschuldigte ich mich. Beim Betreten ebenfalls. Aber eigentlich war das gar keine Entschuldigung, ging es mir schon bald durch den Sinn, auch wenn das im Wörterbuch so stand. Mehr eine Art Begrüßung und gesellschaftlicher „Code“: „Hallo hier bin ich, ich verstehe die japanische Gesellschaft.“

Richtig bewusst wurde mir das Schlüpfen in eine fremde Haut erst, als ich wieder in Deutschland war. Wie unhöflich wir Deutschen plötzlich schienen! Und so schrecklich direkt! Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich akklimatisiert hatte.

Durch Sprache die Perspektive wechseln, in eine neue Haut schlüpfen, eine andere Kultur von innen kennenlernen – das motiviert mich als Übersetzerin. Denn auch in meine technischen Übersetzungen kann ich die kulturellen Unterschiede einweben, sodass der Leser sich einerseits wiedererkennt aber andererseits auch die andere Kultur durchscheinen sieht. Ein bisschen Fremdheit, transportiert in die eigene Sprache.

Zu Andrea Bernard: Nach einer Karriere in der IT-Unternehmensberatung und als Journalistin in Deutschland und Japan hat sich Andrea in Paris als technische Übersetzerin und Texterin für den deutschen Markt etabliert. Fachlich ist sie auf IT und Additive Fertigung spezialisiert. Beim Texten konzentriert sie sich auf Kundenerfolgsgeschichten – hier kann sie ihre journalistischen Kompetenzen besonders gut einsetzen.

Birgit Chengab

Aufgrund meiner Ausbildung und meiner praktischen Erfahrungen habe ich als Fachgebiet unter anderem die Juristerei gewählt. Ein trockenes Thema? Mitnichten! Ich behaupte sogar, dass wenige Bereiche so lebendig und spannend sind wie die Übersetzung einer internationalen Terrorfahndung oder die Aufklärung eines europaweiten, bandenmäßig und professionell organisierten Betrugssystems. Interessant ist es auch, in allen Einzelheiten mitzuverfolgen, wie eine Markennachahmung nachgewiesen und geahndet wird – und welche Argumente der Nachahmer dennoch vorbringt, um sein Tun zu rechtfertigen.

Es wird schnell klar, wie unsere Welt aussehen würde, wenn alle diese Taten nicht geahndet werden würden. Wir alle wären die Leidtragenden. Die Durchsetzung des Rechts über die eigenen Staatsgrenzen hinaus ist für unsere Wirtschaft und unsere Sicherheit unabdingbar. Ohne die Einschaltung eines – spezialisierten – Übersetzers ist das aber nicht möglich. Daher bin ich sehr stolz darauf, meinen kleinen, aber wichtigen Beitrag leisten zu dürfen, dass jeden Tag Recht und Gerechtigkeit zumindest ein wenig durchgesetzt werden können – auch auf internationaler Ebene.

Zu Birgit Chengab: Sie ist seit 1995 (in Vollzeit seit 2001) selbstständig als Übersetzerin in den Bereichen Technik und Recht für die Arbeitssprachen Französisch und Englisch tätig. Für diese beiden Sprachen ist sie auch allgemein ermächtigt. Ihre Ausbildung hat sie in Heidelberg absolviert, danach hat sie 13 Jahre in Paris in internationalen Wirtschaftskanzleien und Industriebetrieben gearbeitet, bevor sie 1995 nach Deutschland zurückkam.

 

Dr. Irving Wolther

Sprache leitet Erkenntnis – zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort, in jedem von uns. Der Haken an der Sache ist, dass es nicht nur eine Sprache gibt, sondern viele. Und dass die Erkenntnis von Sprache zu Sprache sehr unterschiedlich ausfallen kann, so sehr man sich auch bemüht, die erkenntnisleitende Botschaft in die richtigen Worte zu kleiden.

Welche Aufgabe Übersetzern im Kommunikationsprozess tatsächlich zukommt, wurde mir während meines Journalistikstudiums klar, als ich mich mit der Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann beschäftigte. Einer seiner Leitsätze lautet: „Kommunikation ist in höchstem Maße unwahrscheinlich“, denn letztlich erfolgt jede Kommunikation in der „Fremd-Sprache“ unseres Gegenübers, die wir stets vor dem Hintergrund unserer eigenen Kommunikationsgepflogenheiten interpretieren. Das Ergebnis ist ein „Missverständnis ohne Verständnis des Miss-“, und da es eine Informationsübertragung im eigentlichen Sinne nicht geben kann, definiert Luhmann erfolgreiche Kommunikation als Kommunikation, die eine Anschlusskommunikation auslöst.

Übersetzen kann vor diesem Hintergrund nicht bedeuten, Wörter und Satzstrukturen so umzuformen, dass sie in der Fremdsprache (irgend)einen Sinn ergeben, wie es diverse KI-Übersetzungstools mit zum Teil verblüffenden Ergebnissen bereits vermögen. Übersetzen bedeutet, die Gedankenwelt eines Menschen zu erfassen und die darin enthaltenen Ideen und Gefühle für andere Menschen verständlich und erlebbar zu machen, damit sie darauf in irgendeiner Form reagieren können. Dies erfordert neben einer fundierten Kenntnis von Sprache und Kultur vor allem eines: Verständnis für die Menschen, die miteinander kommunizieren wollen.

Der Sinn des Übersetzens ist somit die Wahrscheinlich(er)machung von Kommunikation in einer Welt, die pausenlos sendet und empfängt – und das Gesendete ohne Rücksicht auf den Menschen viel zu oft mit dem Empfangenen gleichsetzt.

Zu Dr. Irving Wolther: Dr. Irving Benoît Wolther studierte angewandte Sprach- und Kulturwissenschaften an den Universitäten Mainz und Genf sowie Journalistik an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Seit 1998 arbeitet er als freier Journalist, Texter und Übersetzer in den Bereichen Unterhaltungselektronik, Kunst/Kultur und Marketing.

 

Heike Kurtz

Meine Muttersprache ist Schwäbisch, Deutsch sozusagen meine erste Fremdsprache. Mit 5 Jahren kam ein bisschen Spanisch dazu, später dann Französisch, Englisch und Latein (in dieser Reihenfolge). Mit jeder neuen Sprache weitete sich der Kreis der Menschen, mit denen ich mich unterhalten konnte (Latein natürlich nicht, aber es erweitert den Horizont). Da ich immer neugierig auf Menschen war, fand ich das sehr spannend. Nach über 20 Berufsjahren als freiberufliche Übersetzerin bin ich heute davon überzeugt, dass Dolmetschen und Übersetzen zum Wohlbefinden der gesamten Menschheit beitragen. Nur mithilfe guter Dolmetscher und Übersetzer sind Menschen in der Lage, sich zu verstehen, und dieses „Verstehen“ geht aus meiner Sicht weit über den reinen Informationsaustausch hinaus. Als Übersetzerin sehe ich meine Aufgabe zum Beispiel darin, einem deutschen Geschäftsmann zu erklären, warum sein englischer Gesprächspartner es vielleicht nicht positiv meint, wenn er auf einen Vorschlag mit „oh, that’s very interesting“ reagiert. Oder warum man vor einem Geschäftsessen in Frankreich lernen sollte, wie verschiedene Käsesorten richtig angeschnitten werden. Übersetzen als Beitrag zum Weltfrieden (Käse falsch zu schneiden ist in Frankreich fast ein feindlicher Akt) – das gefällt mir.

Zu Heike Kurtz: Sie ist Chartered Linguist (CIOL) und seit 1998 freiberufliche Übersetzerin mit Schwerpunkt Wirtschaft, Finanzen und Recht, ihre Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch und Englisch.

Ivona Stelzig

Das Übersetzen ist für mich in erster Linie ein erfüllter Traum. Sprachen konnte ich schon immer. Eigentlich konnte ich auch Naturwissenschaften, die haben mir aber keinen Spaß gemacht. Ich habe als Kleinkind Ungarisch gelernt, in der Grundschule im Rahmen einer AG ein bisschen Deutsch (nach einem halben Jahr auch erklärt, dass ich diese so schwierige Sprache nie wieder lernen würde!), auf dem Gymnasium kam noch Englisch dazu, später Russisch auf Lehramt studiert, nach der Wende im Aufbaustudium den Unterricht komplett auf Englisch gehabt. Nach einigen Jahren in der Wissenschaft habe ich in 1996, damals noch in Prag, per Zufall meinen ersten Übersetzungsauftrag an Land gezogen, nichts Großes, aber regelmäßig und gut bezahlt.

Das war eine Offenbarung, da ich merkte, dass diese „Wortspiele“ genau das sind, was ich kann und was mir darüber hinaus unheimlich viel Spaß macht. Nach dem Umzug nach Deutschland landete ich aus verschiedenen Gründen erstmal im kaufmännischen Bereich, Übersetzungen habe ich gelegentlich nebenbei gemacht. Erst nach einem privaten Erdbeben habe ich mich dazu entschlossen, die Qualifikation in Deutschland nachzuholen und darf mich seit fast sieben Jahren (stolz) als freiberufliche Übersetzerin (und Dolmetscherin) bezeichnen. Ich liebe die Vielfältigkeit (ein Spezifikum kleiner Sprachen), Abwechslung und immer wieder neue Inhalte, die ich mir erschließen muss.

Zu Ivona Stelzig: Sie ist staatlich geprüfte Übersetzerin und Dolmetscherin, ermächtigt und beeidigt für Slowakisch und Tschechisch. Gebürtig aus der (Tschecho-)Slowakei, lebt und arbeitet sie seit 2002 in Neuss, NRW. Ihre Sprachen sind gleichzeitig ihre Spezialisierung: Sie arbeitet überwiegend in den Bereichen Recht und Technik, ihre Leidenschaft ist jedoch die Medizin. Texte aus dem Fachbereich Finanzwesen vermittelt sie weiter. Sie übersetzt seit 1996 (nach 2002 viele Jahre nebenberuflich), seit 2014 komplett freiberuflich.

 

 

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