Wordsmiths: Sergio Paris

Rüsterweg featuring wordsmiths: dritte Ausgabe in der Reihe.

Die Reihe “wordsmiths” habe ich ins Leben gerufen, um Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit zu eröffnen, sich als Sprachdienstleister zu präsentieren. Den Auftakt hatte Jessica Link gemacht, danach kam Sabine Ide, und heute stellt sich Sergio Paris meinen Fragen, der als Übersetzer und Dolmetscher tätig ist.

Italienische Fassung hier als Download.

Sergio, du hast dich schon früh für Fremdsprachen, insbesondere für die deutsche Sprache interessiert. Was fasziniert dich so an Sprachen und an der deutschen Sprache?

Ehrlich gesagt war mein erster Kontakt zu Fremdsprachen mit 14 am neusprachlichen Gymnasium, wo ich mit dem Studium der französischen, englischen und deutschen Sprache begann. Französisch hatte ich aber schon drei Jahre lang auf der Mittelschule gelernt. Meine Französischlehrerin dachte, dass ich nicht so sehr für Fremdsprachen begabt war. Ich fühlte mich aber immer zu Ausländern hingezogen. Mein Rollenspiel als Kind hatte immer mit Reisenden zu tun, die große Schwierigkeiten hatten, einander zu verstehen. Ich bekam sofort sehr gute Noten in Englisch – dank der Liedtexte von U2, Queen, Simply Red usw., die ich auswendig konnte. Dann begann ich im dritten Jahr mit dem Studium der deutschen Sprache. Das war Liebe auf den ersten Blick. Sobald ich meine Deutschlehrerin habe sprechen hören, war ich in diese Sprache total verknallt. Jedem gefällt Englisch mehr oder weniger. Beim Deutschen ist es anders; entweder man liebt es, oder man hasst es. Kein Mittelweg ist möglich. Ich habe sofort gedacht: „Ich will unbedingt mit dieser Sprache arbeiten.“ Was mich so an der deutschen Sprache fasziniert? Bitte nicht lachen: ihre Musikalität. Schrittweise war es mir total klar, wie schwer diese Sprache für einen Italiener sein konnte. Der Satzbau war für mich damals so geheimnisvoll, dass die Suche nach der richtigen Stellung eines Verbs in einem deutschen Satz manchmal wirklich sehr herausfordernd war. Und zuletzt, aber nicht weniger wichtig, waren natürlich auch die überlangen deutschen Wörter, die manchmal sogar bis zu vier und auch mehr weitere Begriffe beinhalten konnten. Es war klar, im Weg standen vor mir so viele Hindernisse, bevor ich Deutsch wirklich gut in Wort und Schrift beherrschen konnte. Ich muss aber ehrlich sein, die Liebe und Begeisterung für diese Sprache haben mir immer wieder so sehr weitergeholfen, die schweren Universitätsjahre zu überwinden und mich in der Mentalität der Deutschen bzw. Österreicher während meiner häufigen Studiums- bzw. Arbeitsaufenthalte im Ausland einzuleben. Meinen deutschen Freunden, Kollegen und Bekannten sage ich immer, ich bin innerlich deutsch, was sich vielleicht viel schöner mit der unübersetzbaren italienischen Bezeichnung „crucco dentro“ ausdrücken lässt.

Du bist seit ca. 20 Jahren selbstständig. Was hat dich dazu bewogen? Würdest du es jüngeren Menschen empfehlen?

Bevor ich die Freiberuflichkeit begann, habe ich ein Jahr als Fremdsprachenkorrespondent in einer internationalen Firma in meiner Gegend gearbeitet. Das hat aber nicht lang gedauert. Meine sprachlichen Kompetenzen waren jeglicher Substanz beraubt, und damals hatte ich nur einen Universitätsabschluss in Germanistik und Anglistik erworben. Mein großer Traum war immer als Dolmetscher und Übersetzer zu arbeiten. Ich brauchte aber eine technische Grundlage. Ich musste also die Ärmel hochkrempeln und etwas aufs Spiel setzen. Ich hatte mich am Dolmetscher- und Übersetzerinstitut in meiner Gegend eingeschrieben und gleichzeitig übersetzte ich für einige private Kunden. Das war aber nicht genug. Nach dem Diplom wollte ich praktische Erfahrungen machen, und ich hatte mich um ein Praktikum in einem Übersetzungsunternehmen in Norddeutschland beworben. Das war gleichsam das Tüpfelchen auf dem i. Ich habe von dieser Erfahrung so viel gelernt. Mir war klar, was hinter einer Übersetzung stand. Außerdem konnte ich schwierige Dolmetscheinsätze bei deutschen Gerichten übernehmen. Das war für mich eine richtig gute Schule. Nach meiner Rückkehr in Italien wartete die Freiberuflichkeit auf mich. Ich war davon total überzeugt. Und ehrlich gesagt ließen die ersten Kunden nicht lange auf sich warten. Meine Ausbildung und vor allem meine Arbeitserfahrung in Deutschland  waren die beste Visitenkarte. Ja, ich würde es jüngeren Menschen empfehlen, aber mit viel Geduld und ohne Eile. In den letzten 20 Jahren hat sich der Markt weiterentwickelt. Er braucht kompetente und spezialisierte Profis. Hintergründe waren damals wichtig und sind heute noch wichtiger denn je. Nicht jeder ist dafür geschaffen. Man muss vorher verstehen, was es eigentlich bedeutet, als Freiberufler zu arbeiten. Das würde ich als Pflichtfach bei allen Universitäten und Dolmetscher- und Übersetzerinstituten einführen.

Ich habe großen Respekt vor Dolmetschern. Kannst du ein wenig davon erzählen? Bei welchen Anlässen kommst du zum Einsatz? Was ist die größte Herausforderung?

Ich arbeite sowohl als Dolmetscher als auch als Übersetzer. Dolmetschen ist ja natürlich meine wahre Leidenschaft. Die Sprachkombination aus dem Deutschen ins Italienische und umgekehrt war mein Sprungbrett, denn es gab und gibt in Italien weniger gute kompetente Profis. Ich arbeite auch viel mit dem Englischen, vor allem als Dolmetscher, aber mit dem Deutschen ist es für mich ganz anders. Ich fühle mich total im Einklang mit dem Redner, und die Verantwortung ist noch größer, denn die Leistung ist härter, und die Konzentrationsfähigkeit muss immer hoch bleiben. Der deutsche Satz ist komplett anders als der italienische, und ich muss länger auf Informationen warten, bevor ich sie ins Italienische übersetzen kann. Gedächtnis ist das wichtigste Werkzeug. Die Anlässe, bei denen ich zum Einsatz komme, sind Konferenzen und Tagungen, wo ich natürlich in einer Kabine als Simultandolmetscher sitze; aber auch bei runden Tischen oder Versammlungen, wo ich als Konsekutivdolmetscher tätig bin. Öfter arbeite ich auch bei Seminaren und hochtechnischen Schulungen an den Maschinen und Geräten, und da kann manchmal die Arbeit härter als in der Kabine sein. Meine größte Herausforderung? Es gab viele und nach ca. 20 Jahren habe ich viele vergessen. Zwei von denen kann ich aber nicht vergessen. Die waren vielleicht nicht die schwierigsten, sondern unter den ersten, wo ich noch keine große Erfahrung hatte. Der erste Einsatz war anlässlich einer wichtigen Versammlung für den Verkauf zwischen zwei internationalen Konzernen. Man sprach von Millionen Euro und ich fühlte mich ganz überfordert. Der zweite war meine erste Kabine. Die ersten dreißig Minuten waren unendlich, dann war ich etwas lockerer.

In deinen letzten beiden Artikeln auf deinem Blog geht es um Tipps, die der Dolmetscher dem Übersetzer bzw. der Übersetzer dem Dolmetscher gibt. Kannst du das für uns, die der italienischen Sprache leider nicht mächtig sind, etwas ausführen?

Ja, Dolmetschen und Übersetzen sind zwei Seiten derselben Medaille. In ca. 20 Jahren als Freiberufler habe ich sozusagen an beiden Fronten gekämpft. In meinem Blog habe ich deshalb zehn Gebote verfasst und zwar fünf Tipps, die der Dolmetscher dem Übersetzer und umgekehrt geben kann. Meiner Meinung nach kann ein Dolmetscher Improvisation, Interaktion, Pragmatismus, persönlichen Anstand und geistige Flexibilität übertragen. Sowohl Übersetzer als auch Dolmetscher sind Figuren, bei denen ein sehr hohes Maß an geistiger Flexibilität vorausgesetzt wird. Der Dolmetscher ist einer der beiden Berufe, der diese Fähigkeit in exponentieller Weise entwickelt, sowohl wegen der Flexibilität, vor allem körperlicher Art, als auch wegen der Vielfalt der Themen, die er zu behandeln hat, manchmal sogar innerhalb desselben Auftrags. Geistige Flexibilität ist das größte Geschenk, das meine Identität als Dolmetscher unbewusst auf meine Identität als Übersetzer überträgt. In der Beziehung zwischen Übersetzern und Dolmetschern können die Ersteren den Letzteren eingehende Studie, Analyse, Genauigkeit, Spezialisierung und Geduld übertragen. Das wichtigste Geschenk, das ein Übersetzer einem Dolmetscher machen kann, ist eben Geduld. Millionen von Wörtern vor einem PC zu übersetzen, erfordert viel Geduld, bevor man zu den letzten Zeilen gelangt. Der Übersetzer blättert geduldig durch den Text, und mit derselben Hingabe und Ruhe setzt er sein Gehirn ein, um die richtige Lösung zu finden. Der Dolmetscher ist in dieser Hinsicht viel ungeduldiger. Der Zeitmangel und der Anruf „in letzter Minute“, manchmal „in letzter Sekunde“ macht ihn sehr reaktiv hinsichtlich des Zeitpunkt der Dienstleistung. Das bedeutet nicht, dass ein Dolmetscher oberflächlich und voreilig ist, verstehe mich nicht falsch, aber er ist schneller am Ziel und vielleicht wird er auch leichter ungeduldig, wenn es statische Momente gibt, sogar zwischen den auszuführenden Jobs. Geduld ist die grundlegende Waffe, um Arbeitsausfall besser zu erleben.

Als Übersetzer hast du ein breites Spektrum an Fachgebieten. Wie wichtig ist deiner Meinung nach die Spezialisierung?

Spezialisierung ist wichtig. Meine Arbeit als Dolmetscher führt mich auch zu Wagemut. Ich muss auch sagen, dass mich meine Stammkundschaft ganz gut kennt. Normalerweise geben sie mir, was ich richtig gut machen kann. Patente will ich absolut nicht sehen. Die wissen das, auch wenn ich viel Technik übersetze. Einige Fachgebiete rufen andere sozusagen auf den Plan. Zum Beispiel: 3D-Drucken wird fast überall umgesetzt. 3D-Drucken und Medizin gehen nun mehr miteinander. Das wäre undenkbar, mit diesem Fachgebiet zu tun zu haben, ohne das Thema Medizin zu beherrschen. Meine Identität als Dolmetscher sagt der Identität als Übersetzer, Spezialisierung sei alles, Flexibilität sei aber grundlegend.

Ganz herzlichen Dank, lieber Sergio, für diese interessanten Ausführungen.

 

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