Horror im Hotel

Kleiner Bericht über eine etwas andere Reise

Zur Abwechslung ein kleiner Reisebericht … Letztes Jahr im Sommer beschloss ich kurzerhand, mir ein paar Tage Urlaub zu gönnen. Drei bis vier Klicks im Internet, schon war ein tolles Hotelangebot eingefangen und der Kurztrip nach Frankreich gebucht. Der Koffer war schnell gepackt, das Auto vollgetankt – los ging’s. Nach dem vielen Arbeiten und dem Umzugsstress hatte ich mir die Entspannung redlich verdient.

Nach wenigen Stunden Autofahrt bei strahlendem Sonnenschein – ein echtes gutes Omen! – kam ich ans Ziel und stutzte etwas, weil die Fassade nun gar nicht dem Foto entsprach, das ich im Internet gesehen hatte. Ach, die Fassade kann mir doch egal sein, jetzt bin ich hier und entspanne mich.

Mit meinem Rollkoffer betrat ich das Haus und ging die zwei Schritte zur Rezeption, an der eine wohlbeleibte Matrone saß, die wohl ihre Lockenwickler im Haar vergessen hatte. „Madame“ – so hieß sie ab sofort in meinen stummen Gedankengängen – würdigte mich keines Blickes, sondern las weiter Zeitung, wobei sie die Zeilen, die sie gerade entzifferte, mit ihrem Zeigefinger unterstrich. „Guten Tag“, sagte ich fröhlich und nannte meinen Namen. „Mmhh“, war die einzige Reaktion der fülligen Dame. „Ich habe im Internet die Suite gebucht“, woraufhin sie für Sekundenbruchteile von der Zeitung aufblickte – der Zeigefinger verharrte an der Stelle, an der sie ihre Lektüre unterbrochen hatte – und ein leichtes Flackern in ihren Augen zu sehen war. Dann „ah ja, Moment…“. Sie drehte sich auf ihrem Bürostuhl, griff in einen Kasten und überreichte mir einen Schlüssel mit einem kiloschweren Holzbommel, schaute wieder gebannt auf den Artikel und sagte, ohne mich anzusehen: „3. Stock links“, bevor sie sich wieder in ihre zweifelsohne spannende Story vertiefte.

Der kleine Fahrstuhl, ganz im Stil des beginnenden 20. Jahrhunderts komplett mit Teppichboden ausgelegt, ächzte, bis er im dritten Stock ankam. Beim Betreten meiner im Internet gebuchten „Luxus-Suite zum Schnäppchenpreis“ musste ich feststellen, dass das große Doppelbett schon belegt war: Eine Kakerlakenfamilie machte gerade Siesta und dachte gar nicht daran, bei meinem Eintreten das Feld zu räumen. Gut, dachte ich, wir wollen mal nicht so pingelig sein, dann teilen wir uns eben die Suite – schließlich hatte ich sie ja, so stand es im Internet, zum halben Preis bekommen.

A propos Suite: Das mir zur Verfügung stehende Areal hatte höchstens 30 Quadratmeter – das Bad eingeschlossen und unter Einbeziehung des Balkons. Balkon? Nun ja, es war eher das, was Architekten einem heutzutage als „französischen Balkon“ verkaufen: Ein Schritt ins Freie ist ausgeschlossen, da sich einem bei einem solchen Vorhaben unmittelbar ein etwa in Bauchhöhe befindliches Geländer in den Weg stellt. In meiner Schnäppchen-Suite empfahl es sich allerdings, sich nicht an dieses Geländer zu lehnen – es hing nur noch an einer etwas lockeren Schraube an der Außenmauer. Kein Problem – ich hatte ja keine Kinder im Gepäck.

Nach dem Motto „positiv denken“ wollte ich zunächst meine Sachen einräumen und mich ein wenig frisch machen. Als ich meinen Koffer auf die dafür vorgesehene Ablage legen wollte, brach diese zusammen. Oh je, dachte ich, du hast wohl wirklich zu viel für die paar Tage eingepackt. Ich nahm also den Koffer und legte ihn mit Schwung aufs Bett, woraufhin ich gleich zwei Reaktionen erntete: Die Matratzenfedern quietschten erbärmlich, und eine mittelgroße Staubwolke erhob sich. Ich hielt kurz inne, aber ich war fest entschlossen, mir meinen wohl verdienten Kurzurlaub nicht vermiesen zu lassen, und begann auszupacken. Ich machte die Schranktür auf und musste feststellen, dass wohl schon länger niemand seine Sachen dort eingeräumt hatte: Auf den Fachböden lag eine zentimeterdicke Staubschicht. Aha, dachte ich, dann sehen wir doch mal im Bad nach, ob sich da nicht etwas zum Saubermachen findet.

Eine schnelle Drehung um die eigene Achse, und schon stand ich vor der geschlossenen Badtür. Voller Optimismus und mit entsprechendem Schwung öffnete ich die Tür und trat sogleich ein, um mir fast die Nase an der Duschabtrennung zu stoßen. Ich drehte mich vorsichtig: eine Dusche, ein kleines Waschbecken – keine Toilette. War die vielleicht separat? Ich prüfte die Lage – nein, kein getrenntes WC. In der Dusche saß ein überdimensional große Heuschrecke, die sich jedoch von mir nicht gestört fühlte – genau so wenig wie die riesige Eidechse, die in der ansonsten leeren Seifenschale ruhte und mich mit ihren Knopfaugen ansah. Die zwei Handtücher sahen zwar so aus, als seien sie in ihrem früheren Leben einmal weiß gewesen. Trotzdem scheute ich mich, Handtücher zum Putzen zu nehmen. Ich beschloss daraufhin, „Madame“ zu stören.

Ich nahm beherzt die Treppe und war fast ein wenig überrascht, weil Madame mich schon anschaute, als ich die letzten Meter bis zu ihr überwand: Das Quietschen der Stufen hatte mich wohl schon angekündigt. Meine Frage nach der Toilette quittierte sie mit einem trockenen „hamse halt im Bad nich richtig gekuckt, Fräulein“, und meine Bitte nach einem Putzlappen mit einem Achselzucken, während sie unter den Tisch griff und mir ein Bündel in zweifelhaftem Grau reichte. Daraufhin vertiefte sie sich erneut in ihre Lektüre.

Zurück in meiner Suite drehte ich am Kaltwasserhahn, der zunächst eine dunkelbraune, dann eine leicht bräunliche Brühe von sich gab. Unverdrossen wusch ich den Schrank aus, räumte meine mitgebrachten Habseligkeiten ein. Schon fühlte ich mich wie zuhause – na ja, fast. Inzwischen war es sehr heiß: Das Reisethermometer, das ich stets mitführte, zeigte 36 Grad an. Die Schwüle tat das Übrige. Die in der Hotelbeschreibung zugesagte Klimaanlage war im Zimmer – pardon, in der Suite – wohl vorhanden, nur funktionieren wollte sie nicht. Das Haustelefon neben dem Bett war so dilettantisch an der Wand befestigt, dass es beim Abnehmen des Hörers samt Befestigungshaken und Putz herunterfiel und keinen Mucks mehr von sich gab: Wahrscheinlich hatte es ohnehin nie funktioniert – wozu auch, wenn Service ein Fremdwort war?

Ich beschloss, erneut nach unten zu gehen und Madame zu befragen. Doch jetzt ging die Zimmertür nicht mehr auf. So langsam schlich sich ein leichtes, unruhiges Gefühl bei mir ein. Ich trat vorsichtig an die wackelige Brüstung des französischen Balkons in der Hoffnung, jemanden auf der Straße auf mich aufmerksam machen zu können. Krakeelende Urlauber und kreischende Kinder deuteten meine kreisenden Armbewegungen vermutlich als Gymnastik, denn sie ignorierten sie und setzten ihren Weg fort. Gut, ich hatte ja noch mein Handy und konnte die Polizei am Ort zur Hilfe rufen, denn leider hatte ich mir die Telefonnummer des Hotels nicht aufgeschrieben – ich hatte ja alles per Internet gebucht.

Als ich mich zum Zimmer drehte, traf mich der Schlag. Zwei schwarz-glänzende Augen beobachteten mich. Eine Ratte befand sich – zum Glück – hinter dem Gitter der Klimaanlage, die oberhalb des kurzen Gangs zwischen Zimmertür und Raum angebracht war, und starrte mich gebannt an. Ich stieß einen Schrei aus, den man wahrscheinlich noch im Nachbarort gehört haben muss. Dies schien jedoch hier niemanden zu beunruhigen, denn es tat sich … nichts. Selbst wenn ich es gewagt hätte, unter der Klimaanlage, also unter der Ratte, in den Gang zur Zimmertür zu laufen, hätte es ja nichts genützt: Die ließ sich ja nicht öffnen. Also war ich gefangen – in einer Suite, die eigentlich eine Kaschemme war, mit schlafenden Kakerlaken und einer wachsamen Ratte!

A propos Kakerlaken: Diese hatten sich inzwischen meiner von mir achtlos aufs Bett geworfenen Handtasche bemächtigt, in der sich mein Handy befand – meine einzige Rettung. Vorsichtig streifte ich einen Schuh ab und stocherte in meiner Tasche herum, bis ich mein Mobiltelefon sah und herausnehmen konnte. Ich wählte die Notrufnummer – zum Teufel, ich war in einer Notlage! Der Mann an der Strippe hörte sich geduldig mein Gestammel an, fragte mit souveräner Stimme, wo ich mich denn befände, und versprach, rasch einen Streifenwagen zu schicken, sobald einer frei würde. Bis dahin sollte ich ganz ruhig bleiben, es könne durchaus zehn bis fünfzehn Minuten dauern.

Es dauerte eine Ewigkeit. Zwischendurch hörte ich einmal ein Tatütata aus der Ferne und bekam einen Schweißausbruch bei dem Gedanken, dass mich die Feuerwehr über die große Leiter herunterholen müsste. Wie peinlich, dachte ich, ausgerechnet heute habe ich einen Rock an. Soll ich mich schnell umziehen? Doch dann hätte ich an der Ratte vorbeigehen müssen… Wo war sie eigentlich? Ich sah sie nicht mehr. Schnell stieg ich auf den einzigen Stuhl im Zimmer, in dem Irrglauben, ich sei damit vor der Ratte in Sicherheit. Vor einer Ratte, die die glatten Wände hoch läuft…!

Der Stuhl, auf dem ich mich verschanzt hatte, schien genau so wenig stabil wie die Gepäckablage zu sein, so dass ich unbeholfen in einer leicht geduckten Position verharrte und um mich herumspähte, um die Ratte ausfindig zu machen. Dabei entdeckte ich in einer Ecke des Zimmers eine phänomenalgroße schwarze Spinne, die sich durch mich allerdings nicht im Mindesten gestört fühlte. Ich war kurz vor dem Kollabieren und wagte nicht mehr, meine Inspektion fortzusetzen. Wo blieb nur die Rettung, fragte ich mich, als es plötzlich klopfte, ich automatisch „herein“ rief, die Tür ganz normal aufging und ein Bild von einem Mann (Verschnitt aus dem jungen George Clooney und dem ebenfalls jungen Robert Redford) hereintrat und mich fragte: „Sie sind mit dem Zimmer nicht zufrieden?“.

In dem Bewusstsein, welches Bild ich gerade abgab – eine Irre auf einem Stuhl, die behauptet, mit einer Ratte im Zimmer eingeschlossen zu sein -, wollte ich gerade etwas Spitzfindiges antworten, brach jedoch in einen hysterischen Lachanfall aus und … wachte auf. Ich schaute mich um und sah ein schönes geräumiges Zimmer mit einem schönen großen Balkon, weit und breit weder Ratte noch Spinne noch Kakerlaken!

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