Engadin – Geheimtipp der Literaten

Ort der Inspiration für große Namen der Weltliteratur.

Es ist kein Zufall, dass das Engadin als „Tal der Dichter und Denker“ gilt. Illustre Namen wie Thomas Mann, Hermann Hesse, Friedrich Nietzsche, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig, Paul Celan und viele andere liebten diese Schweizer Region im Kanton Graubünden, in deren einmalig schöner und imposanter Landschaft sie die Ruhe suchten, fanden und sich inspirieren ließen.

Hermann Hesse

Von der einmaligen Schönheit der Engadiner Berglandschaft war Hermann Hesse begeistert. Zunächst hatten es ihm die schneebedeckten Berge besonders angetan, auf deren Hängen er, mit Skiern aus Holz und Stiefeln aus Leder bestückt, dem noch noch jungen Skisport frönte, den Touristen aus dem Vereinigten Königreich mit der Gründung des ersten britischen Skiclubs der Schweiz 1901/02 in St. Moritz populär machten. Die Briten der High Society, die bislang lediglich die Sommerfrische im Engadin genossen, waren 1864 auf eine Wette des legendären Schweizer Hotelierpioniers Johannes Badrutt eingegangen: „Wetten, dass Sie den St. Moritzer Winter so genießen werden, dass Sie gar nicht mehr abreisen wollen und bei Schnee in Hemdsärmeln auf der Terrasse des Hotels sitzen werden.“ Sollte den Briten den Winteraufenthalt nicht gefallen, würde Badrutt ihnen die kompletten Reisekosten von und nach London erstatten. Die britischen Gäste schlugen ein und reisten wie abgemacht zur Weihnachtszeit 1864 wieder an. Und ja: Badrutt gewann seine Wette spielerisch. Die Besucher aus dem feuchten London blieben nicht nur bis nach Ostern 1865, sondern reisten auch sonnengebräunt wieder ab.

Der 1877 geborene Schriftsteller Hermann Hesse kam als knapp Dreißigjähriger erstmals nach Graubünden und stieg, wie später auch immer wieder, im Hotel Waldhaus in Sils-Maria am Silser See ab. Allerdings war er, wie man in Erzählungen der Hotelierfamilie nachlesen kann, kein sehr angenehmer Gast. Ihn störten die anderen Touristen. Er regte sich über „Ältere und Alte“ unter den anderen Gästen auf, weil sie Freude an ihrer schönen Zeit hatten: „Alles dröhnt und dampft vor Lustigkeit“, schrieb er missgelaunt und kritisierte die „aufgepeitschte Vergnügtheit“.

Trotz allem besuchte Hesse das Engadin immer wieder, denn für ihn war es „eine Bergwelt, in der die Seele zu Mut und zu Atem kommen“ kann. Als er älter wurde, verbrachte er nur noch die Sommermonate im auf 1800 Metern gelegenen Sils-Maria, wo er wanderte, sich hier und da auf einer Bank niederließ und Aquarelle malte. Er entfloh damit seiner Tessiner Wahlheimat, die im Sommer von Touristen überlaufen war.

Wer sich für Hesse im Engadin interessiert, liest: Hermann Hesse, Engadiner Erlebnisse. Erinnerungen, Gedichte, Briefe und Aquarelle. Insel Verlag, Hrsg. Volker Michels, ISBN: 9783458681373

Friedrich Nietzsche

1958 setzte sich Hesse in Sils-Maria übrigens dafür ein, dass das alte Haus des damaligen Gemeindepräsidenten Gian Rudolf Durisch, in dem Nietzsche zwischen 1881 und 1888 sieben Sommer hintereinander verbrachte, nicht abgerissen wurde. Er wolle dem 800-Seelen-Dorf Sils-Maria das „Geschenk meines unsterblichen Namens“ machen, prophezeite Nitzsche in seiner Biografie „Ecce Homo“. Dieses Versprechen hielt er: Heute ist das alte Haus das Nitzsche-Museum und das Dorf weltbekannt bei allen Liebhabern des berühmten Philosophen, den vielen Spurensuchern aus aller Welt, die sich für den eigenwilligen Professor begeistern. Das Zimmer im Obergeschoss, das er für einen Franken am Tag ohne Verpflegung mietete, ist heute noch im Originalzustand zu sehen: ein Tisch, ein Bett, keine Heizung. „Ich friere so: Strümpfe, viel Strümpfe!“, schrieb Friedrich Nietzsche seiner Schwester im August 1881. Ja, auch im Sommer können die Nächte im Engadin recht kalt sein. Das Hotel Waldhaus, in dem viele Jahre später Hermann Hesse Stammgast war und das nur wenige Gehminuten von Nietzsches Unterkunft lag, konnte sich der Philosoph nicht leisten. Seine Bücher verkauften sich schlecht, er erhielt nur eine kleine Pension und manchmal Zuwendungen von Freunden und Bekannten, und so konnte er sich nur hin und wieder ein frugales Mahl im Gasthaus Alpenrose gönnen, das die Besucher im Gästebuch festhielt: „Herr Friedrich Nietzsche – ein Kotelett mit Rührei – zwei Franken“, steht dort in schwarzen, mit Federkiel geschriebenen Lettern.

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Das winzige Fenster seines Zimmers, das kaum Sonnenlicht einließ, kam Friedrich Nietzsche entgegen. Er war stark kurzsichtig und legte großen Wert auf Reizarmut. „Hier ist mir bei weitem am wohlsten auf Erden“, schrieb Friedrich Nietzsche über das Engadin und beteuerte stets, die trockene Bergluft tue ihm gut. In den sieben Sommern wanderte er durch das langgezogene Engadiner Tal, durch das der Inn fließt, umrundete die zahlreichen Seen und kritzelte unentwegt in seinem Notizbuch. In dieser Zeit entstanden seine wichtigsten Werke, einige Hauptkapitel aus dem „Zarathustra“, aber auch „Jenseits von Gut und Böse“, die lesenswerte „Genealogie der Moral“, „Der Fall Wagner“, in dem sich Nietzsche mit Richard Wagner zunehmend kritisch auseinandersetzte, die parodistische Anspielung auf Wagners Götterdämmerung „Götzendämmerung“ und einige mehr. 1888 erfolgte Nietzsches geistiger Zusammenbruch.

Thomas Mann

Der 1875 geborene Schriftsteller liebte Zürich, fuhr aber regelmäßig mit der Rhätischen Bahn ins Engadin, das inzwischen in Literatenkreisen zum Geheimtipp geworden war. Im Engadin dichtete Thomas Mann die schönsten Zeilen über die Gegend: „Dies Engadin ist der schönste Aufenthalt der Welt. Nicht leicht spreche ich von Glück, aber ich glaube beinahe, ich bin glücklich hier.“

Auch Thomas Mann residierte bei seinen Aufenthalten im Engadin im Hotel Waldhaus, wo auch Theodor W. Adorno, Marcel Proust, William Faulkner, Alberto Moravia, Carl Gustav Jung und Erich Kästner abstiegen, wenn sie Sehnsucht nach den Engadiner Alpen verspürten. Erich Kästner inspirierte die traumhafte Kulisse zu seinem komödiantischen Roman „Drei Männer im Schnee“. Rainer Maria Rilke, aber auch Arthur Schnitzler, Max Frisch, Carl Zuckmayer und andere residierten in Sils Baselgia, dem Nachbarort.

Literaturinteressierte, besonders solche mit einem Faible für die sogenannten Klassiker, können sich im Engadin bei geführten Wanderungen auf Spurensuche begeben. Hier ein Museum, da ein Geburtshaus, dort ein Gedenkstein und vieles mehr – all die Orte, wo große, aber auch weniger bekannte Namen gelebt, gewirkt oder geschrieben haben. Auch Maler wie Marc Chagall und Lyriker wie Rainer Maria Rilke und Paul Celan waren oder sind vom Engadin verzaubert. Die einzigartige Schönheit des Engadins, ob im Sommer oder im Winter, der tiefblaue Himmel, die Ruhe und die Wanderwege haben zahlreiche Literaten begeistert. Die allermeisten waren von der Natur überwältigt. Aber nicht alle …

Nur einer fand Ende der 1970er Jahre harte Worte: „O Oberengadin, mir graut vor dir“, hört man Friedrich Dürrenmatt 1979 in Maloja klagen (Prosafragment aus dem Nachlass Dürrenmatts, das er selbst in seinem Zimmer im Hotel Schweizerhaus sprach – eine eigenartige Variation von Styg Wolf Wölflis Emmentalgedichten). Von hier rausche der Inn gen Braunau, Fiberglas-Wanderstöcke klick-klackten auf dem Asphalt, und Nietzsche könne ihm mal …

Übrigens: In unmittelbarer Nähe zu dem erwähnten Hotel verbrachte Anne Frank 1935 und 1936 ihre Ferien bei ihrer Tante in der Villa Spitzer.

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