Melodram in neuem Gewand

Zur Neuübersetzung des Romans „Vom Winde verweht“ von Margaret Mitchell

Mein erster Gedanke war: Muss das sein? Ich habe den Schmöker erstmals als siebzehnjährige Schülerin in die Hände bekommen und ganze Nächte durch unter der Bettdecke gelesen. Heute kann ich mich nicht einmal mehr daran erinnern, ob es sich damals um die deutsche oder die französische Übersetzung handelte – beide Versionen stehen bei mir im Bücherregal. Die vierstündige Hollywood-Verfilmung des Romans „Gone with the Wind“ von Margaret Mitchell, der quasi über Nacht ein Welterfolg wurde, habe ich zum ersten Mal mit achtzehn Jahren im Kino gesehen, anschließend mehrere Male im Fernsehen – nie konnte ich widerstehen. Ähnlich geht es mir mit den Filmen „Ein Offizier und Gentleman“ und „Pretty woman“. Frauen brauchen halt ab und zu etwas fürs Herz …

Siebzig Jahre nach Margaret Mitchells Tod sind die Rechte für eine Neufassung der Übersetzung frei. Schriftsteller und Übersetzer Andreas Nohl zusammen mit seiner Frau, der Opernsängerin Liat Himmelheber, ergriffen die Gelegenheit. Als Übersetzerin wollte ich nach dem ersten Hinterfragen nach Sinn und Zweck der Neuübersetzung mir die Sache selbst ansehen, um mir ein Urteil zu bilden. So kaufte ich die Neufassung und las sie fast in einem Rutsch, jedoch nicht ohne immer wieder die alte (deutsche) Version und das inzwischen in meinem Regal etwas angestaubte amerikanische Original zur Hand zu nehmen, um einen Vergleich zu ziehen.

Was gut ist: Endlich wird dem Leser in der Neuübersetzung der vollständige Romantext angeboten, war doch 1937 stillschweigend manches stark zusammengestrichen oder einfach weggelassen worden.

 

Die Neuübersetzung ist bestrebt, die rassistischen Akzente in der Sprache zu mildern. So kann zwar das Thema Sklaverei natürlich nicht aus dem Roman verbannt werden, die Sklaven radebrechen jedoch nicht mehr, ihre Sprache ist zur modernen Umgangssprache geworden. Die Verwendung des Begriffs „Darky“ zum Beispiel in „Darky-Hebamme“ hat mich allerdings befremdet. Ich bin da in guter Gesellschaft, denn „Zwar wird Mammy jetzt als ‘ausladende alte Frau’ beschrieben mit ‘kleinen, wissenden Augen des Elefanten und einer Haut von glänzendem afrikanischen Schwarz’ und nicht wie bei Beheim-Schwarzbach als ‘riesenhaftes, altes Weib mit kleinen, klugen Elefantenaugen’ und schon gar nicht mehr als ‘Negerin reinsten Wassers, glänzend schwarz’. Aber warum soll eine neue Bezeichnung wie ‘Darky-Hebamme’ irgendwie besser sein als die alte ‘schwarze Hebamme’?“, schreibt Tobias Döring von der FAZ.

Der Versuch, der political correctness wegen die rassistischen Klischees rundzuschleifen gelingt nicht immer überzeugend, wie ich finde, bzw. nur vordergründig, indem das böse N-Wort durch andere ausgetauscht wird. Aber: „Korrekte Sprache war immer ein Akt des Anstands. Anständiger wurden die Verhältnisse durch angemessenere Wörter nie“, Die Welt-Feuilleton-Journalist Michael Pilz. Der Roman wurde in einer ganz anderen Zeit verfasst. Ich unterstelle der Autorin auch, dass sie die damalige Zeit so schildern wollte, wie sie tatsächlich war. Mit dem Ausbügeln rassistisch-stilistischer Elemente verschwindet meiner Meinung nach ein Stück Geschichte, wie Tobias Döring bemerkt: „Distanz zu wahren und etwas anderem zu begegnen, das abstoßen und zutiefst befremden mag, sind wesentliche Erfahrungen, die einen historischen Roman ausmachen und zumal diesen, dessen Lebenswelt so offenkundig von Gewalt und Ausbeutung geprägt ist. (…) Und warum soll eine Geschichte überhaupt von üblen Formulierungen befreit und dadurch moralisch aufgebessert werden, wenn doch ihre geschichtliche Wirklichkeit durch und durch auf üblen Grundsätzen beruht, die wir heute gottlob nicht mehr teilen? Eine fürsorgliche Reinigung von anstößigen Wörtern, wie sie allenfalls bei Kinderbüchern angezeigt sein mag, tilgt dagegen die historische Distanz und nimmt der aufgeklärten Leserschaft Gelegenheit, den eigenen Verstand zu gebrauchen.“ Ganz meine Meinung. Bislang ist übrigens niemand auf den Gedanken gekommen, historische Romane, deren Handlung in der NS-Zeit spielt, nachträglich sprachlich zu korrigieren. Romane neu zu übersetzen mit dem Anspruch, Sprache nachträglich rundzuschleifen, um Abstoßendes vergessen zu machen, ist kein guter Ansatz. Gerade der glattgebügelte Stil führt dazu, dass zweifelhafte Elemente überlesen und verwerfliche Geschehnisse ins fast normale Register rutschen.

Dass Andreas Nohl und Liat Himmelheber den etwas schnulzig-klebrigen Text aufgefrischt und die melodramatischen Klänge in ein zeitgemäßeres Deutsch übertragen haben, ist deutlich zu erkennen, in vielen Fällen ganz in Ordnung, in anderen wiederum sehr befremdlich. Würde man in fünfzig Jahren einen Roman aus DDR-Zeiten sprachlich verändern und zum Beispiel von einer 4-Zimmer- anstelle einer 4-Raum-Wohnung sprechen und aus einem Trabi einen Käfer machen? Oder Adjektive, die in einer bestimmten Zeit Mode waren, nach drei Jahrzehnten durch neuere ersetzen, beispielsweise das „genial“ aus meiner Schulzeit durch ein „geil“ aus heutiger Zeit? Bestimmt nicht. So passen meines Erachtens auch Wendungen wie da „bleibt die Spucke weg“ (anstelle von „ganz sprachlos“ in der alten Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach aus dem Jahr 1937) oder „schnurzegal“ (statt „ganz einerlei“) nicht in die Zeit, die in Mitchells Roman beschrieben wird.

Kleiner Knackpunkt aus meiner Sicht: Die neuen Übersetzer sind der Ansicht, dass ihre Neufassung „Morgen ist ein neuer Tag“ für „Tomorrow is another day“ (anstelle von „Morgen ist auch ein Tag“), so Andreas Nohl, „unendlich viel dynamischer“ ist (Quelle: Interview im Deutschlandfunk). Nun ja, darüber ließe sich streiten, denn immer wieder hörte und höre ich in älteren wie auch in jüngeren Kreise „Morgen ist auch noch ein Tag“.

Andererseits zeigt der ganze Vorgang, wie produktiv und kreativ doch die übersetzerische Tätigkeit sein kann. Und das gefällt mir und versöhnt mich wieder mit einer deutschen Neufassung, der die alte Dativform „Vom Wind(e) verweht“ zum Opfer gefallen ist und einem neuen Titel, der (mich) etwas verstört und zu tiefgründigem Nachdenken anregen könnte. Aber … verschieben wir das doch auf morgen.

Margaret Mitchell
Vom Wind verweht
1328 Seiten
Euro 38,00 € (D)
erschienen im Januar 2020
Herausgegeben von Andreas Nohl
Übersetzt von Andreas Nohl, Liat Himmelheber
ISBN 978-3-95614-318-2

 

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