Chaumien im Morvan

Vom kleinen Ort Chaumien im französischen Morvan

Der kleine Weiler (le hameau) namens Chaumien, wo aller Wahrscheinlichkeit nach Urahnen meiner Familie herkommen, wurde im Jahr 760 erstmals schriftlich erwähnt. Der kleine Ort, zu dem man nicht zufällig gelangt – man muss schon gezielt danach suchen und die Landstraße bewusst verlassen – zählte Anfang der 1960er Jahre noch rund 200 Einwohner, heute lebt nur noch eine Handvoll Menschen dort. Zweimal in der Woche fährt ein „mobiler Supermarkt“ den Weiler an, eine alte Fourgonnette Renault, dessen Fahrer unentwegt hupt, während er durch den Ort fährt – er ist schnell am Ende, wendet und kommt zurück zum Ortskern. Er bringt den noch verbleibenden Einwohnern, was sie brauchen: Brot und Käse, Obst und Gemüse, Waschpulver und was sie bei seinem letzten Besuch bestellt hatten. Ach ja: Der Fahrer bringt auch die Post, die Zeitung und die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region. Auch heute noch.

Als ich Anfang der 1980er Jahre erstmals als Erwachsene dort hinfuhr, kamen gerade die Einwohner aus ihren Häusern, um sich beim mobilen Supermarkt wieder einzudecken. Ich stieg aus dem Auto und näherte mich der Menschentraube, die mich und vor allem das Auto mit dem deutschen Kfz-Kennzeichen argwöhnisch und doch neugierig beobachtete. Als ich meinen Namen sagte, hörte ich nur noch: „Oh ben alors ! Tiens donc …“ – das Erstaunen war groß. Es waren fast ausschließlich ältere Frauen mit Kittelschürze, die sich plötzlich gar nicht mehr für ihre Einkäufe interessierten. Meine Frage, ob denn noch jemand namens Chaumien dort lebte, verneinten sie einstimmig, wiesen mich aber sogleich darauf hin, dass auf dem kleinen Friedhof am Ende des Weilers sehr viele Gräber zu finden seien, auf deren Grabstein der Name Chaumien zu lesen sei.

Chaumien ist Teil der Gemeinde Moux-en-Morvan, einem charmanten Dorf mit knapp 550 Einwohnern im Département Nièvre. Die Region Bourgogne-Franche-Comté ist einmalig schön und wunderbar ruhig: Wer Erholung pur sucht, ist dort goldrichtig. Der Lac des Settons, unweit von Chaumien, liegt mitten im Naturpark Morvan und bietet alles, was Wasserratten und Camper suchen. Der auf ca. 600 m Höhe von Menschen angelegte 360 Hektar große Stausee Les Settons wird von einer in Frankreich einzigartigen Granitsteinstaumauer aus dem 19. Jahrhundert eingefasst. Er ist umgeben von Lärchen- und Tannenwäldern, in denen Wanderer immer wieder neue einsame Wege entdecken.

Carte Michelin

Auch an Sehenswürdigkeiten wird in Moux-en-Morvan einiges geboten, unter anderem die Kirche von Saint-Denis im gotischen Stil mit besonders schönen Fresken aus dem 16. Jahrhundert sowie die Überreste keltischer Siedlungen, die auf dem Berg Moux entdeckt wurden. Das naheliegende Städtchen Saulieu beherbergt übrigens das 2020 mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurant des Küchenchefs Patrick Bertron, Nachfolger des berühmten, 2003 verstorbenen Bernard Loiseau. Das Haus, in dem sich das Restaurant befindet, steht unter Denkmalschutz und ist sehenswert.

Südwestlich in etwa 30 Kilometer Entfernung  vom Weiler Chaumien liegen das geschichtsträchtige Städtchen Château-Chinon, in dem der spätere französische Staatspräsident François Mitterrand von 1959 bis 1981 Bürgermeister war, und das gleichnamige Schloss, von dem heute kaum mehr als die Festungsmauern und die Kellergewölbe zu sehen sind.

Die Region Morvan ist für Eltern mit kleinen Kindern ein idealer Urlaubsort, nicht zuletzt weil hübsche Ferienhäuser mit großzügigem Garten zu sehr erschwinglichen Preisen zu mieten sind. Kleiner Insidertipp für eine ganz besondere Auszeit: Urlaub im Schäferwagen. Infos gibt es zum Beispiel hier.

Und wenn Ihre Wege Sie tatsächlich mal nach Chaumien führen sollten, schicken Sie mir bitte Fotos: vom Ortseingangsschild, von den Häusern, vom Friedhof … Ich würde mich sehr freuen.

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