Heimat – die schwierige Frage

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Heimat – die schwierige Frage

Heimat … Allein das Wort weckt ganz viele Empfindungen in mir …

… und stellt mich vor eine schwierige Frage: Wo ist meine Heimat? Versuch einer Annäherung …

Heimat – ein deutsches Wort, das interessanterweise in der französischen, englischen, italienischen Sprache keine direkte Entsprechung hat. Wie es in anderen Sprachen ist, weiß ich nicht, würde mich aber interessieren.

Heimat – ist das immer das Land, in dem man geboren und aufgewachsen, zur Schule gegangen und seinen Lebensmittelpunkt aufgebaut hat? Nicht unbedingt. Ich bin in Deutschland geboren, habe einen französischen Vater und eine deutsche Mutter – da beginnt schon das Dilemma. Zwei Sprachen, zwei Kulturen mit all ihren Gepflogenheiten, Usancen, Besonderheiten, unterschiedlichen Mentalitäten. Zwei Länder mit einer geschichtlichen Entwicklung, die nicht unterschiedlich sein könnte. Zwei Länder, die bis 1945 noch Krieg gegeneinander führten – und in dem einen Land, Deutschland, haben sich 1946 meine Eltern kennen und lieben gelernt.

Als Kind macht man sich wenig Gedanken darüber, wo „Heimat“ ist. Heimat ist da, wo man zu Hause ist, wo die Eltern und Geschwister leben, wo man Tag für Tag verbringt. Mhh, da ist der zweite Knackpunkt, denn wir lebten zwar in Mainz, aber ich kam schon sehr früh, als siebenjähriges Kind, auf ein privates Internat in Frankreich. So setzte sich die bikulturelle Entwicklung fort, Bezugsorte lagen in Deutschland und Frankreich gleichermaßen. Da war nicht nur ein Kind, das zu Hause zwei Sprachen sprach, die selbst der Hund verstand. Da wurden unwillkürlich Einflüsse aus beiden Ländern aufgenommen, die weit über das französische Essen und die deutsche Weihnacht hinausgingen.

Später waren Wohnsitz und Lebensmittelpunkt zwar durchgängig in Deutschland gelegen, die Einflussmännchen aber hatten Unwiederbringliches bewirkt und waren weiter fleißig am Werk. Dafür sorgte unter anderem meine berufliche Tätigkeit in der deutschen Tochtergesellschaft eines französischen Konzerns, die mit Sicherheit auch – wie wahrscheinlich alle ausländischen Tochtergesellschaften gegenüber ihrem Mutterhaus – mit den Ausprägungen und Gegensätzen zweier Kulturen zurecht kommen musste und muss. So lebte ich tagsüber in einem französischen Umfeld, sprach, las und schrieb mindestens so viel Französisch wie Deutsch, hatte mit ebenso vielen Deutschen wie Franzosen zu tun. Das Zwitterleben ging also weiter. Ein schönes, spannendes, erlebnisreiches Leben.

Von außen gesehen gehörte ich immer der falschen Seite an. War ich in einem Meeting in Frankreich, in dem ich die Interessen „meiner“ deutschen Tochtergesellschaft vertrat, warfen mir die französischen Kollegen vor, ich sei ja schon längst „germanisiert“. Kam ich nach dem Meeting zurück, um in meinem Zuständigkeitsbereich die von der französischen Konzernzentrale getroffenen Entscheidungen zu erläutern und zu vertreten, hörte ich Sprüche wie „ja, Ihre französischen Landsleute …“. Eine schwierige Situation.

Heimat? Klar, für mich ist längst Karlsruhe zu meiner Heimat geworden. 36 Jahre in einer Stadt, da wächst sie einem ans Herz. Dennoch spüre ich ein leichtes Zwicken im Herzen, wenn ich die Autobahn verlasse und auf der L431, also auf der Wormser Straße in die Stadt Mainz hineinfahre. Zehn Jahre meiner Kindheit habe ich in Mainz Gonsenheim gelebt, gar nicht so lang, und doch dieses Gefühl?

Ein ähnliches Gefühl beschleicht mich, wenn ich nach Frankreich fahre, wo ich mich sofort zu Hause fühle und überhaupt nicht fremd. Und auf der Rückkehr nach Deutschland, auf das ich mich uneingeschränkt freue, zwickt es mich wieder … vor Wehmut, weil ich Frankreich verlasse. Ein Zwitterleben, ein spannendes.

Heimat, das sind auch Bräuche. Zu allererst die deutsche Advents- und Weihnachtszeit mit dem Backen von Plätzchen und mit Heiligabend, den mein französischer Vater streng nach deutscher Methode organisierte: Erst wird Weihnachtsmusik gehört, gesungen, ein Gedicht vorgetragen; dann werden die Geschenke ausgepackt – die berühmte Bescherung, die in Frankreich ja erst am Morgen des 25. Dezembers stattfindet, und schließlich wird spätestens um 19 Uhr etwas Leichtes gegessen (da ging es bei uns allerdings französisch weiter, denn Würstchen oder so etwas Profanes gab es an Heiligabend bei uns nie).
Heimat, das ist das Fegen des Bürgersteigs, die Kehrwoche, die nicht nur in Schwaben umgesetzt wird, das leichte Abendbrot und der Samstagseintopf. Montags wird Wäsche gewaschen, samstags Kuchen gebacken, das Auto geputzt und der Rasen gemäht, im März der Frühjahrsputz angegangen … So war es in meiner Kindheit, inzwischen hat sich das natürlich hier und da gelockert bzw. verwässert.

Heimat, das sind Gerüche. Der Duft von Rindsrouladen, die mit Zwiebeln angebraten werden. Von Plätzchen, die goldbraun gebacken werden. Von Rotkohl und frischem Brot. Vom gemischten Düften auf dem Markt, hier der Gemüsestand, dort der Käsemann, da der Gewürz-Heinz und ein Stück weiter weg – zum Glück – die Fisch-Emma aus dem Norden.

Heimat, das sind Geräusche und Töne. Früher erkannte ich in meiner damaligen Wohnung selbst im vierten Stock das Geräusch eines vorbeifahrenden VW-Käfers. Ach ja, die obligatorische Mittagsruhe. Und nach 20 Uhr ist Schluss mit „etwas lauter im Garten feiern“. Nun ja, das hängt sicher von der Nachbarschaft ab. Aber in Frankreich kann es durchaus passieren, dass der Nachbar am Sonntagnachmittag den Rasen mäht. Auch das ist Heimat.

Heimat, die backe ich mir, wie ich sie haben möchte. Und picke mir das Beste aus jedem meiner zwei Länder heraus. Um zwanzig vor zwölf mittags bei einer deutschen Familie klingeln, um etwas abzugeben? Wenn’s sein muss, aber bitte noch vor 12 wieder abziehen, denn um 12 wird gegessen: „Äh, ja, danke fürs Vorbeibringen, wir telefonieren mal und machen etwas aus, gell?“. Bei Franzosen? Da werden Sie doch glatt zum Mittagessen eingeladen: „Bleibt doch, wenn es für zwei reicht, reicht es auch für vier“ – und schnell werden noch ein paar Tomaten aufgeschnitten, ein Salat gezaubert, ein Apéritif angeboten … französische Gastfreundschaft. Und so mach‘ ich’s auch.

Denn Heimat, das sind die Menschen, die mir wichtig sind, und die, denen ich täglich auf meinen Wegen begegne, unabhängig davon, ob ich sie kenne oder nicht. Das ist die ältere Dame am Ende der Straße, der ich täglich meine Zeitung vom Vortag bringe. Das ist der Türke, der schon früh seinen Obst- und Gemüseladen öffnet und die leckeren Oliven hat. Das ist der syrische Arzt, der mit Leib und Seele seinen Beruf ausübt und im Gegensatz zu vielen anderen noch Hausbesuche macht. Das ist meine liebe Perle, die der Sinti-Gemeinschaft angehört und deren Familie in dritter Generation in Karlsruhe lebt und arbeitet. Das sind meine Übersetzer- und Lektoratskollegen aus Frankreich, England, den USA, der Schweiz, Italien und Portugal, die schon seit Ewigkeiten hier leben, hier ihre zweite Heimat gefunden haben und mit denen wir uns regelmäßig zum Sonntagsbrunch treffen. Und eines Tages werden hoffentlich auch diejenigen, die in den letzten Wochen und Tagen in Deutschland Schutz gesucht haben, dieses Land zumindest ein wenig als ihre Heimat empfinden.

Heimat, das kann man nicht vermitteln, das ist ein Wohlsein, eine Vertrautheit, eine Gemütlichkeit, die nicht erklärt werden kann. Wenn ich in Urlaub bin, und wenn es noch so schön ist, habe ich Heimweh. Wohin? Nach „zuhause“, dort, wo ich meinen Anker geworfen habe. Vor nunmehr 36 Jahren. In Karlsruhe. Einer Stadt, die etwa 1990 zu meiner Wahlheimat wurde. Erst im Eichenweg, jetzt im Rüsterweg. Und hier bleibe ich. Bis zum Ende.

  1. Liebe Frau Chaumien,
    ja!
    Mehr mag ich fast nicht dazu sagen.
    Ein sehr schöner Artikel. Ich sah ihn kommen und habe ihn mir für heute Abend aufgehoben, was sich wirklich gelohnt hat.
    Mir gefallen besonders die Heimatbeschreibungen, denn darin sind viele Aspekte, die ich in der fremden Heimat gar nicht bewusst beobachtet, jedoch unbewusst wahrgenommen habe. Sie bringen viele Fremdheits-, Heimats- und Zwischenweltgefühle gut ins Bild.

    Liebe Grüße
    Petra Schulte

    • Danke, liebe Frau Schulte. Als ich von der ARD-Themenwoche am Montag Abend hörte, war mir klar, dass ich etwas schreiben muss.
      Liebe Grüße
      Giselle Chaumien

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