Spuren – nicht nur im Sand

Ein jeder hinterlässt Spuren …

Was ist wichtig im Leben? Der Erfolg des Moments, das Erreichen des Ziels, die Überwindung von Hindernissen… Das vermag nur jeder für sich selbst entscheiden. Wenn ich für mich darüber nachdenke, dann vor allem im Zusammenhang mit dem Thema „Spuren hinterlassen“.

In Zeiten, in denen die erreichten Höhen, Längen, Weiten und Zeiten nicht nur im Leistungssport, sondern auch in der Geschäftswelt und sogar in der Freizeit das Maß aller Dinge geworden sind, ist es wichtig, sich auf das „wirklich Wesentliche“ im Leben zu besinnen. Gut, Wirtschaftsunternehmen – und zu denen zählen ja auch Freiberufler – müssen zusehen, dass ihre Umsatzzahlen und vor allem die Zahlen unterm Strich stimmen. Aber muss es immer mehr als im Vorjahr sein? Muss das Arbeitstempo höher sein als noch vor ein paar Monaten oder Jahren? Unwillkürlich muss ich dabei an eine Szene im legendären Kinofilm Ben Hur denken, in der der Trommler die Schlagzahl auf der Galeere immer weiter erhöht. Wer es nicht schafft, wird über Bord geworfen.

Sind also die Arbeitgeber oder Auftraggeber die Bösen, weil sie die Zitrone vollends ausquetschen? Keineswegs. Denn erstens ist jeder, ausnahmslos jeder, erst einmal für sich selbst verantwortlich. Wenn ich mit meinem Auto zu schnell fahre, kann nur ich das Bremspedal betätigen. Ach so, Sie meinen, in einem Unternehmen haben Sie keine Chance, die Geschwindigkeit zu drosseln? Ich denke doch. In einem Unternehmen sitzen Sie mit Ihren Kollegen, Vorgesetzen, den Betriebsräten usw. alle in einem Boot. Der Chef ist der Kapitän. Denken Sie, dass es in seinem Interesse ist, das Boot untergehen zu lassen? Und wenn doch, ändert sich nichts an der Ausgangssituation: Sie allein haben die Wahl – entweder Sie verlassen das Boot oder Sie gehen unter, so oder so. Jean-Luc Gradeck, Psychologe, Psychotherapeut und Experte in Gestalttherapie, hat in einem einzigartigen mehrtägigen Seminar den Satz „durchgekaut“: „Sie allein haben immer die Wahl – immer“. Stimmt. Man muss halt nur bereit sein, die Konsequenz seiner Entscheidung zu tragen. Und das ist nicht immer einfach. Auf den ersten Blick erscheint es einfacher, weiter zu rudern. Aufzustehen und zu sagen: Geht nicht mehr, ich will so nicht mehr – dazu gehört Mut. Und den haben die wenigsten.

Zurück zu den Spuren …

Leistung ist die Grundlage einer florierenden Wirtschaft, doch wo ist das richtige Maß? Wer mich kennt, weiß, dass mir Leistung stets wichtig war und ist. Urlaub ist für mich quasi ein Fremdwort, zumindest alles, was über acht Tage geht. 4000 oder 5000 Wörter am Tag übersetzen? Wenn ich meinem Kunden damit helfen kann, warum nicht? Wichtig ist mir dabei nicht die absolute Wortzahl, die ich vorgestern geschafft habe, um diese aus reinem Spaß an der Freud‘ morgen zu überbieten.

Nein. Mich lockt weder der Umsatz oder Mehrumsatz noch das mehr oder minder gefüllte Bankkonto. Wer wie ich als Studentin gelernt hat, zwei Tage mit 1,50 D-Mark auszukommen, hat keine Angst vor der Zukunft.

Was mich vielmehr anspornt, sind die Spuren, die ich – die man/frau – hinterlassen kann. Dabei ist es nicht entscheidend, wie groß und beeindruckend die einzelne Spur ist; vielmehr soll erkennbar bleiben, welcher Weg hinter einem liegt und dass er gemeistert wurde, wer nicht nur sich im Fokus des eigenen Lebens gesehen hat, sondern seine Mitmenschen hat teilhaben lassen. Welcher Art sollen oder können die Spuren sein, die wir hinterlassen? Wer Kinder und später Enkelkinder hat, hinterlässt übrigens auf ganz natürliche Weise Spuren – auch wenn diese vielleicht nicht so geraten, wie die Eltern oder Großeltern es sich vielleicht gewünscht haben. Andere Generationen, andere Entwicklungen …

Menschen und ihre Spuren

Manche sind, meist ungewollt, ein Vorbild, Stars und Sternchen der Musikwelt sogar eine Art Idol. Schön ist es, wenn man sich später an jemanden erinnert und sagt, ihn oder sie gekannt zu haben, war ein Gewinn. Nicht etwa, weil man materiell von dieser Person profitiert hat, nein, sondern weil ihn oder sie kennen gelernt zu haben das eigene Leben bereichert hat, die eigenen Erfahrungen ergänzt hat – und es einfach gut getan hat, dass man ihn oder sie auf dem Lebensweg getroffen hat. Glücksmomente mit jemandem zu teilen, an die sich jemand auch dann noch erinnert, wenn man selbst nicht mehr da ist – was gibt es Schöneres? Erfolgsmomente zu teilen und positive Rückmeldungen zu erhalten – eine schöne Erfahrung. Denn bekanntlich wird einem im Leben selten etwas geschenkt. Alles, was man erntet, ist ohne eine dicke Portion Leistungsbereitschaft und Integrität nicht möglich. Da tut die Anerkennung, die man von einer Person bekommen hat, auch dann noch der Seele gut, wenn diese Person nicht mehr da ist.

Seele kl

Um Spuren zu hinterlassen, bedarf es keines dick gefüllten Bankkontos. Auch die kleinen Dinge des Lebens bereiten Freude. Ein Lächeln, ein Händedruck, ein Schulterklopfen, ein Anruf im richtigen Moment, wenn sich die meisten abwenden. Ein beherztes Eingreifen, wenn es an Fairness mangelt oder wenn man feststellt, dass die Gier nach dem schnellen Geld auf Kosten von Lebenwesen die Oberhand gewinnt. Wer bemerkt, dass Hundewelpen im Kofferraum eines Autos auf dem Parkplatz eines Baumarktes verkauft werden (und das bei fast 40°C Hitze!), darf nicht vorbeilaufen und die Augen schließen. Wer mitbekommt, dass eine junge Kollegin am Anfang ihrer Existenzgründung zweifelt, ob ihr Schritt in die Selbstständigkeit richtig war, und verzweifelt ist, sollte beherzt zum Telefonhörer greifen und ihr Mut machen, ihr einfach zuhören, ihr ein paar Tipps geben. Das kostet nichts. Nur etwas Zeit. Aber steht uns nicht allen mit jedem neuen Tag gleich viel Zeit zur Verfügung?

Materielle Spuren – ein Haus, Vermögen – sind in der Hinsicht unbedeutend. Die wahren Spuren, die nachhaltig wirken, sind anderer Natur. Dabei geht es nicht um Fußstapfen, in die jemand treten soll. Denn: „Man kann niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt“, wie der französische Filmemacher François Truffaut sagte. Ein jeder muss seinen eigenen Weg erkunden und gehen. Die Spuren, die er im Herzen trägt, begleiten ihn. Und zuweilen sind die Fußstapfen aus der Sicht des Hinterbliebenen zum Verzweifeln groß. Da gilt es, seine eigenen Maßstäbe und Ziele zu setzen.

Wer an traditionellen Werten wie Respekt, Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit, Integrität und Kontinuität festhält, kann Spuren hinterlassen. Erinnern wird man sich nicht an den polternden Steineklopfer, der die anderen beeindrucken will, heißt es in einer alten afrikanischen Parabel, sondern an den, der durch Taten und Gespräche Menschen berührt hat.

Geh nicht nur die glatten Straßen.
Geh Wege, die noch niemand ging,
damit du Spuren hinterlässt
und nicht nur Staub.
(Antoine de Saint Exupéry)

 

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