Beruf: Terrier – Folge 1

Ich kann euch sagen: kein einfacher Beruf.

Endlich komme ich mal zu Wort. Darf ich mich vorstellen? Filou. Filou vom Rüsterweg zu Grünwinkel. Beruf: Parson Jack Russell Terrier. Besonderes Kennzeichen: Allroundtalent. Eines möchte ich klarstellen: Meine Arbeit ist mindestens so anstrengend wie die meines Frauchens. Ihr glaubt das nicht? Dann erkläre ich euch heute einmal, warum Gassi gehen eine hoch anspruchsvolle Tätigkeit ist.

(Für die Eifrigen unter den Leser:innen gibt es am Ende eine Vokabelliste D/F.)

Einer der schwierigsten Aspekte beim Gassi gehen besteht darin, dass ich meinem Frauchen permanent klarmachen muss, wohin ich laufen will. Normalerweise müsste es ja so ablaufen, dass sie mir einfach folgt. Leider klappt das nicht – warum auch immer. Ich konnte mich da nicht durchsetzen (in anderen Bereichen jedoch durchaus). So muss ich ihr an verschiedenen Eckpunkten zeigen, in welche Richtung es weitergehen soll. Das zeige ich ihr, indem ich abrupt stehen bleibe und mit der Schnauze klar und deutlich die Richtung anpeile. Da jedoch mein Frauchen von der bockigen Sorte ist, läuft sie dann meistens in die andere Richtung. Dass sie mich dadurch in einem meiner Grundrechte beschneidet, ist ihr offensichtlich egal.

Besonders anstrengend bei meinen Auswärtsterminen: Ich muss ständig mit der Nase am Boden laufen. Zum Glück verfüge ich über eine hervorragende Nackenmuskulatur, sonst müsste ich wahrscheinlich regelmäßig zur Massage. Die Nase am Boden ist deshalb wichtig, weil ich auf allen Wegen konsequent und absolut gewissenhaft prüfen muss, wer von meinen Artgenossen möglicherweise auf demselben Weg unterwegs war. Hierzu muss ich permanent erschnüffeln, wer wo wann seine Markierung – in welcher Form auch immer – hinterlassen hat. Habe ich einen Duft in der Nase, wird unverzüglich in meiner persönlichen Datenbank geprüft, ob dieser bereits verzeichnet ist, und wenn ja, welcher Kategorie – Rüde, Hündin, Freund bzw. Freundin, Feind (nur Rüden) usw. – er zuzuordnen ist. Entsprechend muss ich reagieren: von Ignorieren bis Drübermarkieren ist alles möglich. Ist der erschnüffelte Duft nicht in meiner Datenbank registriert, wird er sofort als neuer Datensatz angelegt – zunächst in der Kategorie “Unbekannt”. Diese Tätigkeit – schnüffeln, prüfen, zuordnen, neu erfassen – erfolgt kontinuierlich, d.h. ohne Pause. Ihr könnt euch vorstellen, wie anstrengend das ist. Wen wundert es, dass ich nach 1 bis 2 Stunden Laufen meine Nase schonen muss, wenn wir wieder zu Hause sind, in meinen Korb falle und erst einmal tief schlafe (sonst müsste ich möglicherweise noch beim Übersetzen helfen).

Wer glaubt, dass die Schnüffelei alles ist, was ich während der Auswärtstermine erledigen muss, irrt. Selbstverständlich bin ich parallel auch als Bodyguard für mein Frauchen tätig: An mir kommt so schnell keiner vorbei – zumindest spiele ich diese Rolle ganz gut, lasse mich aber gerne bestechen. Außerdem prüfe ich ständig, ob sich eventuell ein störender Rüde oder aber eine hübsche Spielgefährtin in der Nähe aufhält. Nebenbei bemerkt, werden bei meiner Schnüffeltätigkeit nicht nur Fährten von Artgenossen errrochen, sondern selbstverständlich auch von Menschen und anderem zwei- bis vierbeinigem Getier.

(Filou musste leider am 17. August 2019 über die große Regenbogenbrücke gehen. Er war erst 12 Jahre jung, aber sehr krank und musste erlöst werden. Er fehlt mir unendlich.)

 

Wortschatz Deutsch-Französisch
Aufgabe = la tâche (je nach Kontext auch: la mission)
Stellenbeschreibung = la description de poste
irren = se tromper
schonen = ménager
neuen Datensatz anlegen = créer un enregistrement
zuordnen = affecter à
verzeichnen = (hier) enregistrer
Datenbank = la base de données
gewissenhaft = consciencieux
anstrengend = astreignant, fatiguant
das ist ihm egal = cela lui est indifférent
Grundrechte = les droits fondamentaux
bockig = têtu
Schnauze = le museau
Eckpunkte = les repères, les points de référence, les jalons (je nach Kontext)
das klappt nicht = ça ne marche pas, ne fonctionne pas
jemandem folgen = suivre quelqu’un
Tätigkeit = l’activité (f)
anspruchsvoll = exigeant
das Frauchen (eines Hundes) = la maîtresse

2 Gedanken zu „Beruf: Terrier – Folge 1

  • um
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    Habe den Artikel nur schnell überflogen, Filou, und stelle fest, dass du vielleicht mit einer anderen Strategie besser fährst. Erkläre Frauchen doch mal, dass du nicht weg des zu verrichtenden Geschäfts mit ihr unterwegs bist, sondern vielmehr deshalb, weil du dich über das Tagesgeschehen in der Umgebung auf dem Laufenden halten musst. Sie liest ja auch Zeitung, und das ist es, was du bei diesen täglichen Bewegungsaktivitäten auch tust. Als zielführendste Argumentation schlage ich vor: “Liebes Frauchen, ich lasse dich ja auch deine Zeitung in der Reihenfolge lesen, die dir genehm ist, und deshalb erwarte ich, dass wir bei meinem Zeitung lesen der Richtung folgen, die mir am besten passt”.
    Ich wünsche dir, Filou, viel Erfolg bei der Durchsetzung deiner Bedürfnisse 😉

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    • um
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      Liebe Sprachentante, vielen Dank für deinen Rat. Das ist ein sehr guter Gedankengang und eine hervorragende Argumentation, aber ich fürchte, mein Frauchen wird sich dem trotzdem nicht beugen. Sie hat sich nämlich in den Kopf gesetzt, der Chef sein zu wollen. Und da greifen ja bekanntermaßen folgende Artikel.
      Artikel 1: Das Frauchen ist der Chef.
      Artikel 2: Sollte das aus irgendeinem Grund vergessen worden sein, tritt Artikel 1 in Kraft.
      Du siehst, liebe Sprachentante, ich habe diesbezüglich keine Chance. 😉

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