Der Kap der guten Hoffnung

Der Vetter meines Vaters hatte ein Hotel. Und ein Restaurant.

Eigentlich ist es umgekehrt: Er hatte ein Restaurant namens L’espérance mit einem kleinen Hotel. Dort wo die Wiege der französischen Küche vermutet wird – so erzählt man es sich zumindest.

Direkt an der träge dahinfließenden Loire, die sich im Sommer redlich abmüht, um das bisschen Wasser, das sie führt, ans Ziel zu bringen. An Sehenswürdigkeiten hatte der kleine Ort nicht viel zu bieten. Und doch fanden nicht nur am Wochenende oder in der Sommerzeit zahlreiche Besucher den Weg dorthin. Selbst die verwöhnten „Parisiens“ schreckten nicht vor den rund 200 Kilometern eines Kurztripps dorthin zurück. Denn der Vetter meines Vaters war Maître Cuisinier de France und hatte sich – als ich noch ein Kind war – einen Michelin Stern erkocht.

Na und, werden Sie sagen, Lokale mit einem Stern gibt es in Frankreich und anderswo sehr viele. Stimmt! Aber das Restaurant des Vetters meines Vaters war etwas ganz Besonderes. Vor dem Haus standen einige wenige Tische und Stühle auf einer leicht erhöhten Plattform – wie in einem hundsgewöhnlichen französischen Straßencafé. Kein Wunder, denn aufgrund seiner Lage war es geradezu prädestiniert dazu, verlief doch die damalige Route Nationale 7 direkt am Haus vorbei.

Mittags kamen die beiden Gendarmen des Orts und holten sich ihren Aperitif ab – im Sommer einen Pastis –, hielten ein kleines Schwätzchen an der Bar, während im Restaurant die ersten Gäste schon Platz nahmen und neugierig die Speisekarte studierten.

Quenelles au poisson oder fangfrische Flusskrebse: Täglich wechselnde Leckereien aus regionalen Produkten verwöhnten den Gaumen der Gäste. In der Küche wirbelten die Zauberer, dirigiert vom Maître, dem Vetter meines Vaters, der die Klaviatur der Geschmäcker auf einmalige Weise beherrschte. Im Hof lagen zwei Jagdhunde faul in der Sonne herum. Ab und zu ließen sie sich kurz in der Küche blicken – für den Fall, dass etwas für sie abfiel. Und selten war ihre Stippvisite vergebens.

Der Vetter meines Vaters kochte mit Liebe. Bodenständig, aber fein und gekonnt. Besonders ehrgeizig war er nicht. Er komponierte keine Supergerichte und verschwand auch keine Zeit mit dem Erproben chicer Kreationen. Er erfand weder die Nouvelle Cuisine noch die Molekularküche. Das überließ er anderen. Was er selbst nicht für wichtig hielt, fand in seinem Angebot auch keine besondere Beachtung. So zum Beispiel Desserts. So gab es beim Vetter meines Vaters nur den in Frankreichs bürgerlichen Lokalen üblichen Dessertwagen mit den Standardnachtischen.

Aber wenn sich die Gäste mittags mit einem zufriedenen Lächeln auf ihren Stühlen zurück lehnten, war der Vetter meines Vaters glücklich. Das war sein Ziel – mehr nicht. Der Michelin Stern war ihm nicht so wichtig, obgleich er sehr stolz darauf war. Und wenn die Küchenmagier ihren Arbeitsplatz blitzblank putzten, kamen die beiden Gendarmen wieder und tranken ihren „petit café“ – mit einem Schuss „marc“ verfeinert. Die Hunde hatten inzwischen mitbekommen, dass es in der Küche nichts mehr zu holen gab, und sich in der Eingangshalle hingelegt, die Nase auf den Vorderpfoten.

Und der Vetter meines Vaters? Der war gedanklich schon beim Abendessen und freute sich auf neue Gäste … Merci Jacques!

6 Gedanken zu „Der Kap der guten Hoffnung

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    Hi Chris, danke für das Kompliment / Lob. Freue mich, wenn der Artikel gefällt. Viele Grüße nach Schottland.

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    ich kenne diese Gegend nicht, ich fand den Text aber sehr schoen geschrieben und man moechte dann diesen Ort kennenlernen.

    LG,

    Chris

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    Das war in etwa die Zeit, in der ich dort lebte (Anfang der Neunziger)…
    Und natürlich – das Leben schreibt nicht nur “schöne” Geschichten – aber das ist ein anderes Thema 😉

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    Danke 🙂 Das L’Espérance ist vor etwa 20 Jahren verkauft worden, weil der gute Jacques, der Vetter meines Vaters, in Rente ging. Was aus dem Restaurant geworden ist, weiß ich nicht. Einen Michelin Stern hat es seitdem allerdings nicht mehr bekommen.
    Danke für die Glückwünsche. Es wird allerdings nicht nur schöne Geschichten geben. Das Thema Übersetzung im Zusammenhang mit der Steve Jobs Biografie (s. Artikel Völlig schutzlos) beschäftigt mich noch…

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    Was für schöne Erinnerungen – sogar für mich, denn sie rufen Bilder meiner drei Jahre an der Loire hervor und wie ich die RN7 rauf und runter gefahren bin… Leider habe ich dieses Restaurant nie bemerkt, und im Nachhinein, jetzt beim Lesen, wünschte ich, ich wäre hin und wieder einer der Jagdhunde gewesen… Denn welcher Gast hat schon das Privileg, in der Küche zuzugucken?
    Herzlichen Glückwunsch zum neuen Blog – ich freue mich auf die nächsten Geschichten!

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