Der Übersetzerberuf vor dem Hintergrund der KI
Ob auf einschlägigen Diskussionsplattformen, in Print- und Onlinemedien oder in den social media, die Panikmache ist stark verbreitet. Wenn dann auch der eine oder andere Fachverband auf einem Kongress ein düsteres Bild an die (Lein-)Wand malt und quasi heraufbeschwört, der Beruf des Übersetzers* „liege im Sterben“, die Anwesenden ermahnt, sich umzuorientieren, dann ärgere ich mich maßlos.
Ich kann diese Panikmache weder unterstützen noch die damit zusammenhängende Meinung, den Beruf des Übersetzers sei ein Auslaufmodell, überhaupt nicht teilen.
Was man so erzählt
In den oben genannten Kanälen äußern sich Kolleginnen und Kollegen über ihre Situation: immer weniger Aufträge, Kunden drücken Preise, mangelnde Wertschätzung für den Beruf usw. Ehrlich gesagt, höre und lese ich das schon, seitdem ich vor 40 Jahren in den Beruf eingestiegen bin. Nur wird heute immer die KI, die Künstliche Intelligenz, als Buhmann zitiert. Davor waren es die neuronalen Netzwerke, die übrigens schon 1943 erdacht und 1958 erstmals implementiert wurden, und die maschinelle Übersetzung, deren Entwicklung bereits in den 1960er Jahren von der Association for Machine Translation und in den 1970er Jahren vom französischen Institut ENSAIT vorangetrieben wurde. Offensichtlich schien unser Metier schon damals dem Tod geweiht – oder?
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Was man so liest
Bei der Vorbereitung auf einen Vortrag zum Thema Übersetzerberuf im September bin ich zufällig auf ein Interview gestoßen, dass Julia Westlake mit Andreas Jandl vom Verband deutschsprachiger Übersetzer im Oktober 2024 geführt hat. In diesem Interview geht leider ausschließlich um Literaturübersetzer, worauf leider nicht explizit hingewiesen wird, und das ist unglücklicherweise sehr oft der Fall, wenn in den Medien über das translation business berichtet wird. Das ist für nicht informierte Leser irreführend und wirft ein falsches Bild auf, wenn es heißt „Erschwerend käme dazu, dass beim ohnehin schlecht bezahlten Übersetzungsberuf die Honorare seit mehr als 20 Jahren nicht an die Teuerung der Lebenshaltungskosten angepasst worden seien.“
Das mag auf das Gros der Literaturübersetzer zutreffen (diese Sparte ist jedoch nicht mein Metier), aber keineswegs auf den hochspezialisierten Übersetzer, der zum Beispiel in den Fachgebieten Technik oder Chemie tätig ist. Auch hier möchte ich Menschen, die keine Berührungspunkte mit dem Beruf des Übersetzers haben, näher informieren: Wenn ich Technik sage, dann meine ich nicht die Bedienungsanleitung der Kaffeemaschine oder gar des Autos, sondern Texte, in denen es ans Eingemachte geht. Dazu später mehr.
In der Presse wird schon seit Jahrzehnten ein Bild des Übersetzerberufs gezeichnet, das wenig positiv ist: „Ohne Sachkenntnis wurde in den letzten Jahren in Medien und Politik häufig das Bild einer Welt kolportiert, die nur noch Englisch spricht und in der Maschinen alles Sprachliche erledigen; entsprechende Äußerungen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann in diesem Frühjahr sind dafür nur ein prominentes Beispiel“, sagt Oliver Czulo, Professor für Übersetzungswissenschaft an der Universität Leipzig.
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Was manche tun
Appelle und Brandbriefe an Ministerien sowie Pressemeldungen über die Bedeutung des Übersetzerberufs sind verpuffte Energie, wenn sie
- nicht konkret und in aller Kürze (und nicht etwa auf fünf Seiten!) auf die Vorteile hochspezialisierter Übersetzerprofis eingehen und
- das Marketing „drumherum“ fehlt und
- der Presseverteiler unzulänglich, das Pressenetzwerk zu klein ist und nicht ausreichend gepflegt wird und
- die Zielgruppen nicht regelmäßig in relativ kürzen Abständen Infofutter bekommen.
Aus meiner beruflichen sowie meiner ehrenamtlichen Tätigkeit für einen bundesweit tätigen Interessenverband, der nichts mit Sprachen zu tun hat, weiß ich, dass Öffentlichkeitsarbeit viel Engagement, Beharrlichkeit, Unnachgiebigkeit, Mühe und ja, Verbissenheit erfordert. Da reicht es nicht, einfach nur die Pressemeldung in die Welt zu senden. Die einschlägigen Netzwerke müssen intensiv gepflegt werden, da beißt die Maus keinen Faden ab.
Es ist auch völlig müßig – und das gilt meiner Meinung nach auch für die Sparte Literaturübersetzer – Mindesthonorare zu fordern. Ein Soloselbstständiger im Übersetzungsbereich hat mit dem Thema Mindestlohn so viel zu tun wie ein Zahnarzt mit Wohlfühlmassage.
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Was manche glauben
KI ist weit davon entfernt, alle Anforderungen im Bereich Übersetzung zu meistern. Allerdings entsteht bei Menschen der Eindruck, sie könne es. Und nicht wenige Übersetzer glauben das auch und machen keine Anstrengung, sich näher – professionell, sachlich, fachorientiert – damit zu befassen. Sich über KI beklagen und über das eigene Schicksal jammern ist ja viel einfacher, als den Stier bei den Hörnern zu packen und sich auf den Hosenboden zu setzen, um etwas an der eigenen Situation zu ändern. Und damit meine ich explizit nicht, den Übersetzerberuf aufzugeben, um eine Ausbildung zum Installateur oder zur Friseurin zu beginnen – es sei denn, das war schon immer Ihr Traumberuf.
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Was die KI macht
KI revolutioniert die Arbeitswelt. Tja, so ist es. Aber vor über zweihundert Jahren hat die sog. erste industrielle Revolution alles auf den Kopf gestellt, dann wurde ab 1870 die Fließbandarbeit eingeführt, und später wurden die verschiedenen Tätigkeiten, also Berufe, durch Automatisierung, Robotik und IT erneut komplett umgestaltet. Fortschritt gab es zu jeder Zeit – zum Glück. Was wäre eine Welt im Stillstand?
Ja, KI erzeugt Kunst, Bilder, Texte, Songs, ja sogar Gespräche, die so manchen glauben lassen, dass da eine gute Freundin mit einem redet. KI ist nicht mehr aufzuhalten, ihre Wirkung auf die unterschiedlichsten Bereiche und insbesondere auf die Kreativbereiche ist nicht zu leugnen. KI ist eine unverzichtbare Hilfe in der Medizin, sie unterstützt sogar bei der Ermittlung von Kindesmissbrauch. Aber KI ist nicht moralisch. Der Umgang des Menschen mit KI macht den Unterschied. KI ist nichts anderes als ein Werkzeug. Und damit sind wir beim Übersetzer.
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Und im Bereich Übersetzungen?
Ja, KI hat insgesamt eine rasante Entwicklung erfahren, und im Bereich Übersetzung ist die Anwendung von KI längst verbreitet – übrigens bereits seit Jahrzehnten: Wussten Sie nicht, dass die EU-Organe maschinelle Vorübersetzung seit Mitte der 1970er Jahre einsetzen?
Allerdings ist die Technologie weit davon entfernt, menschliche hochspezialisierte Fachübersetzer zu ersetzen, so auch Professor Oliver Czulo von der Uni Leipzig. Deshalb: Je spezialisierter, je fachkompetenter Sie sind UND je besser die Qualität Ihrer Arbeit ist, desto weniger haben Sie von KI zu befürchten.
Klar ist aber: Für den, der nur ein „Kraut-und-Rüben-Angebot“ hat und/oder übersetzungstechnisch nur „einigermaßen gut“ unterwegs ist, wird es zunehmend schwierig. Allrounder, die im Bereich Allgemeinsprache, Tourismus, Websites, Korrespondenz und dergleichen ihre Übersetzungsdienste anbieten, werden nach und nach das Nachsehen haben. Denn gerade in diesen Bereichen setzen zahlreiche Kunden auf KI, um ihre Texte maschinell übersetzen zu lassen und eventuell anschließend, allerdings nicht immer, im Zuge des Post-Editing von einem Humanübersetzer schleifen zu lassen. Dafür gibt es ein geringeres Honorar, es sei ja auch „weniger Arbeit“, heißt es. Diesen Kunden reicht auch meist „good enough“. Denn für sie steht zu wenig auf dem Spiel. Es geht nicht um Leben und Tod wie im medizinischen Bereich oder in der Luftfahrttechnik. Selbst das früher so gepflegte Image ist nicht mehr „so“ wichtig – dafür ist heute alles viel zu schnelllebig.
Für mich stellt sich heute wie damals, als ich vor über vierzig Jahren in den Beruf eingestiegen bin, stets die Frage: Was tut derjenige, der sich Gedanken um seine berufliche Zukunft und/oder mit seiner Situation unzufrieden ist, um etwas zu ändern und zu verbessern?
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Was hilft?
Erstens: spezialisieren.
Zweitens: spezialisieren.
Drittens: spezialisieren.
Und damit meine ich explizit NICHT, drei Fachgebiete zu erarbeiten, um auf der Website zu verkünden „Fachgebiete Technik, Wirtschaft und Recht“, sondern: das Fachgebiet innerhalb des Fachgebiets, darin dann die spezielle Fachrichtung XY, und diese noch besser, noch detaillierter, noch kompetenter, sodass Sie jederzeit ein Fachgespräch mit einem Ingenieur dieser Fachrichtung, einem Mediziner dieser Disziplin, einem Chemiker dieser Sparte problemlos führen können.
Was noch?
Besser sein als andere – besser als KI-Vorübersetzungen sind wir Humanübersetzer ohnehin. Das ist unser USP, unser Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Künstlichen Intelligenz. Aber wir müssen stets nach Exzellenz streben – ein Gedanke, der in Deutschland etwas in Vergessenheit geraten ist, bedauert auch KI-Forscher Prof. Dr. Jürgen Schmidhuber, der aus diesen Gründen am IDSIA in der Schweiz tätig ist. Es gilt für Sie, den Kunden plausibel klarzumachen, dass Sie und kein(e) andere(r) für seinen Übersetzungsbedarf der oder die Richtige sind.
Hinzu kommen all die soft skills, über die ich schon tausendmal geschrieben habe, auch in meinem Fachbuch „Das große 1×1 des selbstständigen Übersetzers“. Versetzen Sie sich stets in die Kundenlage und fragen Sie sich: Würde ich ein solches Verhalten als Kunde ohne weiteres gutheißen und diesen Dienstleister noch einmal beauftragen?
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AI, the wonder translator?
Der Einsatz von KI-Übersetzung bietet erhebliche Vorteile, denn damit können große Textmengen in Rekordzeit verarbeitet werden: „Tatsächlich können die leistungsfähigsten intelligenten Übersetzungssysteme bis zu 40.000 Wörter pro Minute übersetzen“, oftmals kostenlos oder zu geringen Kosten erhältlich. Das ist die eine Seite.
Allerdings reicht die Qualität von KI-Übersetzungen in vielen Fällen, unter anderem bei (hoch)fachsprachlichen Texten, nicht an die eines human translator heran. Bemängelt werden nach heutigem Stand immer noch:
- wortwörtliches Übersetzen, das noch zu häufig vorkommt;
- Syntaxfehler
- kulturelle Feinheiten
- unkorrekte Anpassung an Sprachebene
um nur einige Felder zu nennen. Technische, medizinische, juristische Fachübersetzungen erfordern höchste Genauigkeit, bei denen der kleinste Fehler weitreichende, fallweise lebensbedrohliche Folgen haben kann.
Hinzu kommt etwas: Über (lustige) Fehler auf der Speisekarte, auf der Website oder in der Bedienungsanleitung der Heißluftfritteuse schmunzeln wir. Selbst wir Übersetzer verbreiten solche Fehler im Internet – wir war das mit translation bloopers? – und wundern uns über die weit verbreitete geringe Wertschätzung, die unserem Metier entgegengebracht wird.
Im Schweizer Sender SRF erzählt im Juni 2025 Maxence, der an der Fakultät für Dolmetschen und Übersetzen (FTI) der Uni Genf studiert hat, dass er erotische Romane vom Englischen ins Französische übersetzt, wo KI ganz eindeutig an ihre Grenzen stößt: „ChatGPT schläft mit niemandem, KI geht nicht zur Schule, hat kein erstes Mal und musste mit seinen Eltern nicht über Sex sprechen. Technologie kennt diese intimen, menschlichen Erfahrungen nicht, welche die eigene Empfindsamkeit prägen“, so Maxence. Das gilt sicher nicht nur für erotische Romane, meine ich.
Gerade weil Übersetzen von vielen als „simple Tätigkeit“ angesehen wird, gilt es, zu informieren: konkret und pointiert, immer und immer wieder. Und zwar auf allen Kanälen und mit ganz unterschiedlichen Mitteln – nicht nur auf LinkedIn, denn dort tummeln sich nicht die Entscheider, die Aufträge vergeben – höchstens Projektmanager schlecht zahlender Agenturen.
Wer nachlesen will, wie ich DeepL auf die Probe gestellt habe, kann das übrigens hier tun: DeepL – Fluch oder Segen.
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Fazit
Nein, „KI im Bereich der Übersetzung wird den menschlichen Fachübersetzer nicht ersetzen. Vielmehr wird sie als unterstützende Technologie Einzug halten, die Fachübersetzern ihre Arbeit erleichtert und zu einem produktiveren Arbeiten führt“, erklärt Gründer und Geschäftsführer des KI-Unternehmens lengoo Christopher Kränzler. Für Übersetzer ist KI eines der Werkzeuge, die ihnen in ihrer Toolbox zur Verfügung stehen.
Nicht wenige Hochschulen, die Übersetzer ausbilden, haben längst die Studiengänge inhaltlich so angepasst, dass die Absolventen für ihre Zukunft gerüstet sind: „Dass Translation ein Thema im Kommen ist, zeigt sich außerdem darin, dass in anderen Ländern wie Norwegen, Spanien oder den USA neue Translationsstudiengänge und -institute jüngst entstanden sind oder entstehen, während sie in Deutschland aus einem falschen Verständnis heraus kleingeredet und bespart werden“, erklärt Professor Oliver Czulo von der Uni Leipzig.
NEIN, der Übersetzerberuf ist KEIN Auslaufmodell.
ABER: Hier muss eine Einschränkung gemacht werden. Nämlich: „Diejenigen Sprachdienstleister, die Übersetzungskunst und Fertigkeit und Erfahrung bieten, die die Texte, Schriftsätze und Korrespondenz ihrer Kunden maßgeschneidert in eine andere Sprache übertragen, wird es trotz maschineller ‚Konkurrenz‚ weiterhin geben“, so Christin Dallmann, ausgebildete Juristin UND ausgebildete Übersetzerin in ihrem absolut lesenswerten Artikel. Dem ist (von mir) nichts hinzuzufügen, auch wenn es mich in den Fingern juckt, die noch schärfer, aber ebenso treffend formulierte Aussage eines meiner Kollegen, die ich vor wenigen Tagen zu einem beruflichen Austausch getroffen habe, zu zitieren.
Headerbild: geralt – internet-4463031_1920, Pixabay