Übersetzen Englisch-Deutsch – Lernen mit System

Interview mit Autorin Karin Königs

Diplom-Übersetzerin Karin Königs, die seit vielen Jahren Workshops zur systemischen Übersetzungstechnik in der Sprachrichtung Englisch-Deutsch anbietet, hat bereits vor Jahren ein Fachbuch geschrieben, das vor Kurzem in einer überarbeiteten und ergänzten 4. Auflage beim Verlag Narr Francke Attempto, in der Reihe Narr Studienbücher erschienen ist.

Frau Königs, wie sind Sie dazu gekommen, sich mit diesem Thema zu befassen?

Karin Königs (KK): Schon während meiner Tätigkeit als Übersetzerin in verschiedenen Bundesbehörden hatte ich festgestellt, dass ich immer wieder über bestimmte Schwierigkeiten stolperte. Damals habe ich angefangen, entsprechende Beispiele mit den Lösungen, die ich gefunden hatte, zu sammeln.

Später habe ich dann über zwanzig Jahre am Fachbereich Sprachen der Fachhochschule Köln angehende Übersetzer:innen und Dolmetscher:innen unterrichtet. Dort war mein Schwerpunkt die Übersetzung allgemeinsprachlicher Texte in der Sprachrichtung Englisch-Deutsch.

Beim Unterrichten stellte ich fest, dass es den Studierenden genauso erging wie mir zuvor: Sie stolperten immer wieder zum Beispiel über Partizipialkonstruktionen, die for-Konstruktion oder die what-Konstruktion. Also nahm ich mir meine Beispielsammlung vor und schaute mir genau an, welche Schwierigkeit jeweils vorlag und welche Lösungsmöglichkeiten es gab. Daraus entstanden dann Handreichungen zu den verschiedensten Übersetzungsproblemen. Irgendwann waren es dann so viele, dass der Gedanke an ein Buch entstand.

Geben Sie uns bitte mehr Details, worum es in Ihrem Fachbuch geht.

KK: Es geht um die wichtigsten sog. systembedingten Übersetzungsprobleme, d. h. um Probleme, die dadurch bedingt sind, dass das Sprachsystem der Ausgangssprache oftmals anders funktioniert als das der Zielsprache. So lässt sich z. B. ein vorangestelltes Attribut – He always carried an umbrella, on even the most unlikely days. – häufig im Deutschen nicht strukturanalog, also ebenfalls durch ein vorangestelltes Attribut, wiedergeben. Oder die what-Konstruktion – The bosses were faced with what amounted to a new pay claim. Wie lässt sie sich elegant wiedergeben? Oder: Was für Partizipialkonstruktionen gibt es eigentlich im Englischen, wie sind sie zu interpretieren, und welche Übersetzungsmöglichkeiten gibt es?

Zu jedem dieser systembedingten Übersetzungsprobleme gibt es in dem Buch zwei Kapitel: Ein Theoriekapitel (A), in dem ich zunächst beschreibe, wie die grammatische Struktur im Englischen aussieht. Dann stelle ich sie möglichen Entsprechungen im Deutschen gegenüber und beschreibe deren grammatische

Struktur. Zum Schluss fasse ich zusammen, welche Konsequenzen sich daraus für die Übersetzung ergeben. Es folgt ein Praxiskapitel (B), in dem anhand zahlreicher authentischer englischer Beispiele und ihrer deutschen Übersetzung die verschiedenen in Frage kommenden Übersetzungsvarianten benannt, systematisiert, jeweils an einem übersetzten Beispiel demonstriert und ggf. kommentiert werden. So entsteht praktisch eine Sammlung von möglichen Übersetzungsvarianten, auf die jederzeit zurückgegriffen werden kann.

Mein wichtigstes Anliegen ist es, den Kolleg:innen praktisches Handwerkszeug an die Hand zu geben: Auf 420 Seiten sind Hunderte von übersetzten Beispielen angeführt, und wem das nicht reicht: Viele weitere Beispiele sind auf den 450 Seiten Erweiterungs- und Vertiefungsmaterialien zusammengetragen, die nach Erwerb des Buches kostenfrei online abgerufen werden können.

Können Sie uns noch ein paar Themen nennen, die Sie in dem Buch behandeln?

KK: Gerne. Zum Beispiel das Thema „verbale Formulierung im Englischen wird zur adverbialen Formulierung im Deutschen“. Dass to happen im Deutschen zu zufällig wird, ist nichts Neues. Aber als ich feststellte, wie häufig sich dieses Prinzip anwenden lässt, war ich doch sehr überrascht. Über 250 Hilfsverben, Vollverben und Verbverbände lassen sich optimal durch einen adverbialen Ausdruck wiedergeben.

Und die sind in dem Buch alle mit den Übersetzungen aufgelistet?

KK: Ja, über mehr als zehn Seiten! Und sicher sind das noch nicht alle. Bestimmt finden die Leser:innen selbst weitere Fälle. Ähnliches gilt übrigens für das vorangestellte Attribut. Eine der sechs Übersetzungsvarianten, die ich vorstelle, ist ebenfalls die Wiedergabe durch eine adverbiale Wendung. Das war für mich auch eine große Überraschung, als ich das Buch geschrieben habe: Über 60 englische Adjektive habe ich zusammengetragen, die sich, wenn sie als Attribut vor einem Substantiv stehen, sehr gut durch ein Adverb wiedergeben lassen!

Können Sie uns ein oder zwei Beispiele geben?

KK: Ja, gerne. Erstes Beispiel:
The average cow produces 840 gallons of milk a year. – Eine Kuh liefert durchschnittlich ca. 3.100 Liter Milch im Jahr.

Zweites Beispiel:
She described an abrupt U-turn. – Sie vollzog plötzlich eine Kehrtwende.

Weitere Themen sind z. B. auch der Spaltsatz, die Wortstellung und der umfangreiche Komplex der englischen Infinitivkonstruktionen. Und neu aufgenommen worden sind in der Neuauflage mehrere Kapitel zum Partikelgebrauch und zum Tempusgebrauch. Wie oft werden im Deutschen das past tense durch das Präteritum, das present perfect durch das Perfekt und das englische Futur durch das deutsche Futur wiedergegeben, wo es nicht unserem Sprachgebrauch entspricht!

Und für welche Zielgruppe ist Ihr Buch gedacht?

KK: Eigentlich ist es als Lehrbuch für Ausbildungsinstitute für Übersetzer:innen und Dolmetscher:innen gedacht. Es eignet sich aber auch sehr gut zum Selbststudium, z. B. für Quereinsteiger:innen oder Berufsanfänger:innen. Selbst gestandene Übersetzer:innen haben sich dazu sehr positiv geäußert und sehen das Fachbuch als große Hilfe an. Auf einem meiner Workshops sagte mir eine Teilnehmerin mit 45-jähriger Berufserfahrung: Es sei so interessant für sie gewesen, das, was sie seit vielen Jahren tagtäglich intuitiv tue, einmal in Ruhe zu reflektieren.

Gibt es noch etwas, das wir abschließend erwähnen sollten?

KK: Aus der Gegenüberstellung der Strukturen Englisch vs. Deutsch lassen sich natürlich auch Rückschlüsse auf die deutsch-englische Übersetzung ziehen. Dazu gibt es am Ende der meisten Praxiskapitel eine kurze Zusammenfassung. Und – das wird allerdings nicht ausdrücklich erwähnt – lassen sich natürlich auch Rückschlüsse auf die Übersetzung aus anderen Sprachen, z. B. dem Französischen, ziehen.

Vielen Dank, Frau Königs.

 

Übersetzen Englisch-Deutsch – Lernen mit System, Karin Königs, Verlag Narr Francke Attempto, ISBN lautet 978-3-8233-8413-7, 29,90 Euro.

Übersetzen Englisch-Deutsch (narr.de)

 

 

Über die Autorin Karin Königs

Karin Königs ist Dipl.-Übersetzerin (Heidelberg). Nach mehrjähriger Tätigkeit als Übersetzerin für Französisch und Englisch in verschiedenen Bundesbehörden war sie über zwanzig Jahre Dozentin für Englisch am Fachbereich Sprachen der Fachhochschule Köln (heute Institut für Translation und Mehrsprachige Kommunikation der Technischen Hochschule Köln). Seit 2006 gibt Königs im In- und Ausland Workshops zur systemischen Übersetzungstechnik Englisch-Deutsch für Übersetzer:innen sowie für Studierende an einschlägigen Ausbildungsinstituten. Die Autorin ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Sie lebt im Kölner Umland.

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