Chronik eines malträtierten Satzes

Qualität und mangelnde Qualität – die ganze Bandbreite.

Wie in jedem Gewerk und in jeder Branche gibt es zwischen guten und schlechten Übersetzern* die ganze Bandbreite. Wir kennen das Phänomen im Handwerk nur allzu gut: Ob Klempner*, Elektriker, Maurer oder Gärtner, nicht jeder Vertreter seiner Zunft verdient das Prädikat „gut und empfehlenswert“. Nicht anders ist es im Dienstleistungsbereich: PC-Pannenhelfer (das sind ja nicht alles studierte Informatiker), Webdesigner, Bürokräfte und andere sind nicht alle aus dem Holz, aus dem zuverlässige, kompetente Profis geschnitzt werden.

Und Übersetzer*?

In Deutschland gibt es für fast jeden Beruf einheitliche Ausbildungsformalien und Berufsbezeichnungen. Sind Sie z. B. bei einem Steuerberater, dann können Sie mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Mann oder die Frau über einen qualifizierten Abschluss verfügt. Leider ist das bei Übersetzern nicht der Fall: Jeder, der in Deutschland Lust und Zeit hat, darf sich als Übersetzer oder Dolmetscher mit einem großen Schild an seiner Tür auf die Kunden stürzen. Und leider wird dies wohl in Zukunft so bleiben, aber das ist ein anderes Thema. Eine Konsequenz daraus: Auch Menschen, die sich gänzlich durch translatorische Talentfreiheit auszeichnen und die Unwissenheit von Kunden ausnutzen, tummeln sich am Markt und bieten ihre Dienstleistung zu wettbewerbsverzerrend niedrigen Preisen an.

Kostenträchtige Folgen

Welche Folgen diese Situation haben kann, zeigt der Fall einer Übersetzung in der Sprachrichtung Französisch > Deutsch, die eine Firma an eine größere bekannte Übersetzungsagentur in Auftrag gegeben hat. Textlänge in der Ausgangssprache Französisch: 655 Wörter. Kein besonderer Schwierigkeitsgrad, keine Fachtermini.

Anmerkungen: Ja, es ist ein realer Fall, der exakt so verlaufen ist. Ja, ich darf darüber berichten. Ja, es ist schon ein paar Jährchen her (ich ließ das Ganze bewusst ruhen, bevor ich darüber berichten wollte). Die Situation auf dem Übersetzungsmarkt hat sich aber seither leider nicht verändert. Im Gegenteil.

Zum Textinhalt: Es geht um eine unternehmensinterne Untersuchung (im O-Text „enquête“) zu einem technischen Verfahren in der Produktion. Man will wissen, wie gut sich die Mitarbeiter, die mit diesem Verfahren arbeiten, auskennen mit dem Ziel, Verbesserungspotenziale zu ermitteln und ggf. geeignete Maßnahmen umzusetzen. Die erwähnte Umfrage ist mit einem umfangreichen Fragebogen verknüpft (der nicht Gegenstand des Ü-Auftrags ist). Es wird im Text gesagt, dass der Fragebogen eigentlich individuell von jedem betroffenen Produktionsmitarbeiter abgearbeitet werden sollte, aus Zeitgründen das Ganze aber auch in Gruppen stattfinden kann. Dann folgender Satz (der stellvertretend für die mangelnde Qualität der Übersetzung steht):

O-Text: La vision finale [de l‘enquête] n’en est pas altérée pour autant.

Wer Satz Mein Kommentar dazu
Der von der Agentur beauftragte Übersetzer 1 lieferte: Die finale Vision wird nichtsdestoweniger beschädigt. Völlig daneben. Ein Trauerspiel.
Der von der Agentur beauftragte Proofreader 1 korrigierte: Die finale Vision wird davon umso weniger verändert. um so weniger als was?

„verändert werden“ mit der Präposition „von“?!
Was für ein Deutsch!

Diese Version wurde dem Kunden geliefert. **kopfschütteln**
Der Kunde reklamierte (die komplette Übersetzung) und bat um Nachbesserung. nachvollziehbar
Agentur beauftragte Übersetzer 2
Übersetzer 2 lieferte dann: Die finale Vision wird dadurch nicht beeinträchtigt. Auch nicht viel besser. Das Verb passt hier nicht.
Proofreader 2 korrigierte: Die finale Vision wird dadurch kaum beeinträchtigt. Wenn das Adjektiv „falsch“ eine Steigerungsform zulassen würde, müsste ich diese hier anwenden.

Da der Kunde immer noch nicht zufrieden und inzwischen ziemlich verärgert war, suchte die Agentur wild-verzweifelt nach einer Lösung und erinnerte sich an jemanden, der sich vor ewigen Zeiten mal an sie wegen eines Statements für einen Blogartikel gewandt hatte: an mich. Obwohl ich nicht für Übersetzungsagenturen arbeite, willigte ich ein (selbstredend im Rahmen einer offiziellen Beauftragung zu meinen Bedingungen), mir diesen Text anzusehen, wobei die Agentur der Ansicht war, die dem Kunden gelieferte Fassung sei korrekt.

 

Wo ist das Problem?

Beide Übersetzer (1 und 2) und beide Proofreader (1 und 2) haben (und das zog sich durch den ganzen Text durch) immer nur jeweils den einen Satz, der gerade „dran“ war, übersetzt, ohne das zuvor Übersetzte mit einfließen zu lassen. Das wurde mir sofort klar, und auch das Telefonat mit jedem einzelnen der Vier bestätigte das. Vorgeschoben wurde Zeitmangel (obwohl der Liefertermin jeweils nicht eng war), und Ü1 meinte „das sei doch so alles OK gewesen“ – also keine Einsicht bzw. – was in meinen Augen noch schlimmer ist – das völlige Fehlen jeglichen Verständnisses, dass es hier „ein Problem“ gab.

Also wurde „vision“ zur „Vision“, da alle vier (Übersetzer und Proofreader) nicht begriffen hatten, dass es sich um das Ergebnis, das aus der Untersuchung hervorgehen würde, handelt. Oder war die wörtliche Übersetzung der Weg des geringsten Widerstands, der möglicherweise durch die Nutzung eines CAT-Tools begünstigt wurde?

In der deutschen Sprache hat sich zwar das Adjektiv „final“ eingebürgert, das heißt noch lange nicht, dass es gut und schön ist und dass es verwendet werden soll, muss … Da braucht mir auch keiner mit dem Duden als Rechtfertigung zu kommen.

Der Profi-Übersetzer, der sich wortgewandt in Ausgangs- und Zielsprache bewegt und den Text in seiner Gesamtheit bearbeitet, versteht beim Lesen von „vision finale“ (in diesem Text) sofort „Ende der Untersuchung“ (was nicht sehr schön ist) und „Endergebnis“, noch besser „Gesamtergebnis“.

Das Verb „altérer“ entspricht in jedem Fall einer Veränderung zum Schlechteren, das wurde richtig verstanden, aber die „Vision“ kann nicht „beschädigt“ werden. Das Gesamtergebnis der Untersuchung auch nicht, es könnte beispielsweise schlechter ausfallen, wenn der Fragebogen in Gruppen bearbeitet wird. Und hier in diesem Falle eben umgekehrt: Das Abarbeiten in Gruppen wirkt sich nicht negativ aus (was für mich noch nicht die endgültige Übersetzung ist).

Schließlich das immer wieder für viele Übersetzer in der Sprachkombination FR>D schwierig zu greifende „pour autant“. Gerade völlig unscheinbare Wörter und Wendungen entlarven Mängel in der fremdsprachlichen Kompetenz. Was ist schwierig daran, nachzuschlagen, wenn einem ein Wort nicht einfällt? Larousse zum Beispiel schreibt: „pour cela, pour cette raison [qui vient d’être dite]“.

Mein Vorschlag, wohlwissend, dass es für einen Satz nicht nur eine einzige Übersetzung gibt, lautet:

Dies wirkt sich nicht nachteilig auf das abgebildete Gesamtergebnis aus.

Warum „abgebildet“? Einfach nur um den Gedanken der (franz.) „vision“ aufzugreifen. 🙂

 

Wirtschaftliche Folgen

Durch Beauftragung von Sprachdienstleistern mit
unzulänglichen Fachkompetenzen entstehen nicht
unerhebliche wirtschaftliche Folgen.

 

Im vorliegenden Fall (655 Wörter):

  • Kosten für Übersetzer 1 und Proofreader 1
  • Kosten für Übersetzer 2 und Proofreader 2
  • Kosten für meinen Aufwand (Prüfung und Neuübersetzung)

sowie

schwierig zu beziffernde Kosten beim Endkunden, der mehrere Tage auf die fertige Übersetzung warten musste. Dass dieser Endkunde diese Agentur nicht mehr beauftragen wird, ist wahrscheinlich. Und es heißt, dass ein unzufriedener Kunden rund zehn weitere (potenzielle) Kunden mitnimmt.

 

Übersetzen ist eine Kunst

Die Chronik dieses bedauernswerten malträtierten Satzes (und des restlichen Auftragstextes) zeigt anschaulich, dass nicht jeder, der die Leistung „Übersetzen“ verkauft, dazu geeignet ist. Ein Schreiner eignet sich auch nicht unbedingt zum Fliesenleger oder umgekehrt. Und nur weil mein Opa Friseur war, bin ich nicht zwangsläufig das neue Coiffeur-Talent.

Übersetzen ist weit mehr als der Austausch von [Wort in Sprache A] durch [Wort in Sprache B]. Übersetzen setzt voraus, dass man die Ausgangssprache UND die Zielsprache PERFEKT beherrscht und den Ausgangstext versteht: Was will der Verfasser sagen? Welches Ziel verfolgt seine Botschaft? Was ist gemeint? Das erstreckt sich auch auf das berühmte „zwischen den Zeilen“. Da gilt es, das Gesagte zu deuten. Ein wenig, nicht zu viel, möglichst frei von eigenen Meinungen.

Das Gemeinte wiederzugeben, die richtigen, treffenden Worte in der anderen Sprache zu finden: Das ist schließlich des Übersetzers ureigene Aufgabe. Nicht nur Rechtschreibung und Grammatik müssen korrekt sein – das schafft (hoffentlich) auch ein Abiturient (ich bin Optimistin). Der professionelle Übersetzer darf nichts weglassen oder übersehen – bei technischen Texten könnte das übrigens fatale Folgen haben -, auch nichts hinzufügen, was den Originaltext verändert oder gar verfälscht. Nichts hineininterpretieren, was da nicht ist. Nichts schmälern, nichts aufbauschen, nichts erfinden, weil er meint, so sei es ja „viel schöner“. Er muss die richtige Sprachebene finden und sich beispielsweise fragen: Wie drückt der Franzose diesen (deutschen) Gedanken bzw. der Deutsche diesen (französischen) Gedanken aus?

 

(*) Im Hinblick auf eine bessere Lesbarkeit wird das generische Maskulinum verwendet.

 

6 Gedanken zu „Chronik eines malträtierten Satzes

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    Danke für diesen aufschlussreichen Beitrag. Es wird klar, dass man den zu übersetzenden Text so verstehen muss, als müsste man ihn für die eigene Arbeit verwenden (man muss in die Haut des Lesers bzw. Anwenders schlüpfen). Freilich macht es Sinn, sich mittelfristig Bereiche zu suchen, in denen man sich schon in der Muttersprache gut auskennt). Weniger ist da erst einmal mehr, ich würde Qualität auch vor Quantität setzen und deshalb noch andere Sprachdienstleistungen anbieten, bis es läuft. Bei mir dauert‘s ja noch ein Weilchen, aber zwei Fachgebiete weiß ich schon …

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      Danke für das Feedback, Ruth. Ja, das ist eine Frage der fremdsprachlichen UND der muttersprachlichen Kompetenz, in der Tat. Bei deinem Engagement und Fleiß bist du bald am Ziel. Weiterhin viel Erfolg und Freude.

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  • um
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    Hallo,

    ich fürchte, solche Fälle gibt es tausendfach in allen Sprachkombinationen, nur werden sie nicht immer bemerkt.
    Mich würde interessieren, ob der Text im genannten Beispiel mit einem CAT-Tool bearbeitet wurde. Es würde mich jedenfalls nicht wundern. Wie sonst hätte es dazu kommen können, dass gleich zwei Übersetzer und zwei Lektoren den Gesamtzusammenhang nicht erkannt und nur Satz für Satz bearbeitet haben?

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    • um
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      Hallo Martina,
      selbstverständlich gibt es solche Fälle nicht nur tausend-, sondern millionfach. Leider.
      Nein, der erste Übersetzer hatte keine CAT-Tools eingesetzt. Wie es dazu kommen konnte, dass alle 4 so gearbeitet haben, wie ich es beschrieben habe? Weil sie einfach das Metier nicht gelernt haben, nicht professionell gearbeitet haben, nicht sorgfältig an die Textbearbeitung herangegangen sind und keine Profis, sondern Wortaustauscher sind … Aber leider werden solche Leute allzu oft von Agenturen beauftragt, weil sie für wenig Geld arbeiten.

      Dass Sie sagen, es würde Sie nicht wundern, wenn die Ursache des hier geschilderten Falles in der Nutzung eines CAT-Tools läge, wirft kein gutes Licht auf CAT-Tools … und auf deren Nutzer. Viel kann ich jedoch nicht dazu sagen, da ich keine einsetze.

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  • um
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    Moin, moin,

    Für die niedrigen Honorare, die solche Agenturen zahlen, bekommmen sie halt nur jobbende Auch-Übersetzer und keine Profis. Profis heuern sie nur an, wenn, wie in diesem Fall, die Hütte brennt und der Verlust eines Kunden droht.

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    • um
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      Moin,
      ja und nein. Es gibt auch gut zahlende Agenturen. Aber letzten Endes ist es wie bei der Henne und dem Ei: Was war zuerst da – das Ei oder die Henne, die Agenturen, die niedrige Preise ansetzen, oder die Übersetzer, die diese Jobs annehmen?

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