Übersetzer und Fußballer

Was haben freiberufliche Übersetzer:innen mit Fußballer gemeinsam?

Der Übersetzer (*) – womit hier stets der freiberuflich tätige Mensch, gleich welchen Geschlechts, gemeint ist – benötigt morgens einen Anstoß (le coup d’envoi(**)), meist in Form von Kaffee. Er kommt nach dem Anpfiff (le coup de sifflet d’envoi)  in der Regel nur langsam ins Spiel (le jeu, le match) und braucht Freiräume (la marge de manœuvre). Er checkt die Lage und wägt bei jeder Anfrage ab, ob er den Ball (le  ballon) abwehrt (parer) oder annimmt (contrôler, prendre le ballon).

So manches Angebot von zweifelhaften Agenturen empfindet er als Angriff (l’attaque). Meist ignoriert er diesen und spielt den Ball ins Aus (en touche), indem er unmittelbar die Löschtaste auf der PC-Tastatur drückt. Zuweilen fühlt er sich jedoch dazu genötigt, in die Offensive (passer à l’offensive)  zu gehen, sich mit dem Angreifer (le joueur qui attaque) einen Schlagabtausch (match orienté vers l’offensive)  zu liefern oder ihm gleich einen Platzverweis (l’expulsion, le carton rouge) zu erteilen. Aber in den allermeisten Fällen prallen (am Pfosten abprallen: rebondir sur le poteau) die Vorwürfe beim Angreifer einfach ab.

 

Die Spieldauer (la durée du match, du jeu) ist bei Übersetzern, entgegen den Gepflogenheiten beim Fußball (le football), sehr unterschiedlich und hängt stark vom Zusammenspiel (le relais, l’adéquation avec)  zwischen dem Kapitän (le capitaine), also dem Übersetzer, und der Platzqualität (la qualité du terrain de jeu) : Ist der Platz (le terrain de jeu) gut bespielbar (terrain en bon état de jeu), das heißt, hat der Verfasser des Textes für Stringenz in der Terminologie und belastbare Inhalte gesorgt, läuft es gut. Fallweise lässt die gegnerische Hälfte (l’adversaire, l’équipe adversaire), also der Kunde, dem Übersetzer nur wenig Raum (espace, marge de manœuvre) für Kreativität, dann zieht sich das Spiel bis zum Abpfiff (abpfeifen: siffler la fin du match)  wie Kaugummi.

Steht dem Übersetzer dank des Einwurfs (la rentrée en touche, la touche) der gegnerischen Hälfte viel Raum zur Verfügung, entfaltet sich ein virtuoses Spiel, in dem es dem Übersetzer Freude bereitet, nach dem passenden Wort zu dribbeln (dribbler), den Ball mit Effet zum nächsten Satz zu schießen (brosser la balle, tirer une balle à effet), einen gelungenen Pass (une passe réussie) nach dem anderen zu zaubern. Gegenspieler (l’adversaire), also schwierige Fachbegriffe, werden abgeschüttelt (décramponner), Wadenbeißer, die sich nur mit Hilfe langwieriger Recherchen knacken lassen, bekommen die rote Karte (le carton rouge). Bei Halbzeit (la mi-temps) darf aufgeatmet werden: Eine kräftige Nackenmassage, isotonische Getränke, eine stärkende Banane, ein frisches Trikot (le maillot) … Dann geht es weiter. Ist das Tor (le but) in greifbarer Nähe, sollte der Übersetzer seine Gedanken nicht ins Abseits (hors-jeu) gleiten lassen: Prokrastination – ein Wort, das ohnehin wie eine schlimme Krankheit klingt – ist nur etwas für Warmduscher, die sich in der Mannschaftskabine (le vestiaire)  auch noch die Fußnägel schneiden. Doch Vorsicht: Nicht, dass im Strafraum (la surface de réparation, les dix-huit mètres) noch ein Foul (la faute) passiert – auch der Schluss des Textes verdient den vollen Körpereinsatz. Besteht bei Fachbegriffen ein Deckungsfehler (l’erreur de marquage), droht mindestens die gelbe Karte (le carton jaune) als Verwarnung.

Freiberufliche Übersetzer gibt es wie … Grashalme auf dem Fußballplatz (le terrain de jeu). Oder wie Fußballer (le footballeur). Deshalb bleibt dem Übersetzer wie dem Fußballer nichts anderes übrig, wenn er in die Profiliga (la ligue professionnelle) aufgenommen werden will, als seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Es bringt aber wenig, abzuwarten, bis ein scharfsichtiger Talentscout (le découvreur, le dénicheur de talent) um die Ecke kommt und man quasi entdeckt wird. Auch sollte man sich nicht darauf einlassen, unentgeltliche Einsätze zu übernehmen, die als Freundschaftsspiele (le match amical) deklariert werden. Wer als freiberuflicher Übersetzer in die Champions League (la Ligue des Champions, la Champions League) will, muss hart arbeiten. Wichtig ist, nicht ganz unten in der Regionalliga (la division régionale)  zu beginnen, sondern sich gleich in einer der oberen Ligen zu positionieren.

Es gilt, in die Offensive (passer à l’offensive)  zu gehen und sich eine zielführende Strategie (la stratégie) zurecht zu legen. Warum sich nicht von einem Coach (un coach) vorübergehend helfen lassen? Auf diese Weise kann so manches Eigentor (marquer un but contre son propre camp, tirer le ballon dans le propre but) vermieden werden. Und mit einer geschickten Aufstellung (la formation, l’alignement d’une équipe) kann kaum noch etwas schief gehen.

Eine Chance, in die Mannschaft (l’équipe)  der Firmenlieferanten aufgenommen zu werden, hat ein Übersetzer zum Beispiel dann, wenn es ihm gelingt, dem Linienrichter (le juge de touche), also dem Einkäufer, glaubhaft zu vermitteln, dass er nicht nur ein hervorragender Dribblanski (un bon dribbleur)  ist, sondern auch als schneller und erfahrener Spieler (le joueur) unterschiedliche Positionen (la position) einnehmen kann: Er kann Außenspieler (un ailier) und gleichzeitig Stürmer (l’avant, l’attaquant) sein und auch die längst in Vergessenheit geratene Position des Libero (le libéro) mit Bravour meistern. Für manch einen Kunden, der seine Termine nicht ganz im Griff hat, kann der gute, kundenorientierte und pfiffige Übersetzer der letzte Joker (le joker) sein. Selbstverständlich ist auch dann kein Abschlag (le dégagement [im Fußball], la réduction = Preisabschlag) zu gewähren, wenn es um große Textmengen geht. Allerdings ist für Nacht- oder Wochenendarbeit ein Zuschlag fällig. Doch wenn das dem Kunden einen gloriosen Sieg (la victoire) sichert, wird er damit einverstanden sein. Hat ein neuer Kunde einen ersten Auftrag erteilt, der zu seiner Zufriedenheit erledigt wurde, folgt möglicherweise bald der Anschlusstreffer (revenir au score, reconquérir du terrain), äh, der Folgeauftrag.

Hat ein Kunde einen Spieler, äh, Übersetzer verpflichtet, mit dem er nicht zufrieden ist, denkt er über eine Auswechslung (le remplacement, remplacer un joueur) nach. Eine Ablösesumme (l’indemnité de transfert)  ist allerdings nicht fällig.

 

(*) Wie immer in meinen Blogposts, deckt das Wort Übersetzer (und hier auch das Wort Fußballer) auch die weibliche Form ab. Dies im Sinne der besseren Lesbarkeit.

(**) Die angegebenen franz. Begriffe sind alle aus dem Fußballbereich (Quellen: FIFA und Presseartikel).

6 Gedanken zu „Übersetzer und Fußballer

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    Welch überzeugende Analogie! Ich gehe sogar bis zum Vorschlag, unsere Art in Homo mundialfootensis umzubenennen, oder besser in ein prägnantes Homo foot.

    P.S.
    Der klassisch designte Schwarzpunkt-Fußball und Filou passen prima zueinander.

    P.P.S.
    Zur Unterscheidung vom vorausgehenden Anstoß finde ich es nahe liegend, Anpfiff eine Idee ausführlicher wiederzugeben, als coup de sifflet d’envoi.

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      Vielen Dank, Charlie. Ja, Homo mundialfootensis gefällt mir gut. Nur das bevorstehende Spiel D gegen F bereitet mir Bauchschmerzen. Na ja, ich sehe es mal positiv: Ich kann nur gewinnen!
      Ja, coup de sifflet d’envoi ist sehr gut. Das füge ich ein. Vielen Dank.

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        Ja, aber sei froh, dass solche Schlachten nicht im Wildparkstadion ausgetragen werden, Giselle. So kannst du wenigstens die blauen Matchwinner ohne Polizeischutz feiern – das zumindest wünsch ich dir.

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          Ich hab eigentlich nicht viel für Fußball übrig, aber bei Weltmeisterschaften ist das etwas anderes. Ins Stadion würde ich ohnehin nicht gehen.

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    Liebe Giselle,
    über Ihren Fußballer-Übersetzer-Vergleich habe ich sehr gelacht und bin versucht ihn einigen fußballaffinen Kollegen zu schicken, die bisher unter der Missachtung der Fernsehanstalten leiden.
    Herzliche Grüße aus dem nahen Ettlingen
    Laila

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      Liebe Laila, leiten Sie den Artikel gerne weiter, dazu ist “sowas” ja da. Ich bin zwar gar nicht fußballaffin, aber in einem WM-Jahr geht es ja gar nicht anders. Und mein Filou besitzt ja einen Stofffußball, den er zur Zeit gerne vor den Fernseher schleppt, wenn ein Spiel läuft. Er erkennt das wohl an der Geräuschkulisse. Dann sitzt er da wie auf dem Foto. 🙂
      Liebe Grüße aus Karlsruhe, Giselle

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