Zum Gebrauch von brauchen und gebrauchen

Wer brauchen ohne „zu“ gebraucht, braucht …

brauchen nicht zu gebrauchen … – So lernte ich es an der französischen Schule im Deutschunterricht. Diese Faustregel kennt und lernt man auch in Deutschland. Was ist aber, werde ich immer wieder gefragt, mit dem Unterschied zwischen brauchen und gebrauchen?

Kurze Erklärung:
Als Vollverb ist brauchen ein Synonym von benötigen. Das Verb gebrauchen bedeutet verwenden, einsetzen, benutzen.

Man sollte also meinen, dass der Unterschied klar ist und es keine Verwechslung gibt. Und dennoch wird sehr häufig das eine Verb für das andere verwendet, pardon, gebraucht. So ist der Satz „das kann ich nicht gebrauchen“ im Sinne von „das kann ich nicht brauchen“ nicht selten zu hören oder zu lesen – vor allem aus dem Mund bzw. der Feder deutscher Muttersprachler. Spreche ich diese darauf an, bekomme ich meist folgendes Beispiel genannt, das auf die vermeintliche „ähnliche Bedeutung“ beider Verben hindeuten soll:

Zum Schreiben brauche ich einen Kugelschreiber.
Zum Schreiben gebrauche ich einen Kugelschreiber.

Der Denkfehler besteht darin, dass davon ausgegangen wird, dass beide Sätze dieselbe Bedeutung haben. Tatsache ist aber, dass im ersten Satz gesagt wird, dass ich einen Kugelschreiber benötige, und im zweiten Satz vermittelt wird, dass ich zum Schreiben einen Kugelschreiber benutze. Eindeutig unterschiedliche Aussagen.

Wenn Sie sich nicht sicher sind, können Sie folgenden Test machen: Versuchen Sie den Satz so umzuformulieren, dass sie statt des Verbs das Substantiv „Gebrauch“ verwenden, auch wenn man den Satz so nicht sagen würde. Beispiel:

Zum Braten meines Spiegeleis gebrauche ich eine Pfanne.
>>> Das Braten meines Spiegeleis erfordert den Gebrauch einer Pfanne.

Wenn der Satz so „in Ordnung“ ist und bedeutet, dass sie für die Handlung im Beispiel eine Pfanne benutzen müssen, dann ist die Verwendung (der Gebrauch) des Verbs gebrauchen korrekt.

Die Wendung „gebrauchen können“ bedeutet: Verwendung für etwas haben. Deshalb ist es falsch, wenn man zum Beispiel sagt: „Ich kann keinen Stress gebrauchen“, denn Stress kann man nicht „gebrauchen“ im Sinne von verwenden. In diesem Fall heißt es korrekterweise: Ich kann keinen Stress brauchen (im Sinne von: Stress tut mir nicht gut, ich will keinen Stress).

Das Verb „gebrauchen“ ist immer dann korrekt eingesetzt, wenn im Satzzusammenhang eine „Gebrauchsanweisung“ zum Einsatz kommen könnte – auch wenn es bei manchen einfachen Gegenständen witzig erscheint: Zum Braten meines Spiegeleis gebrauche ich eine Pfanne; vorher habe ich die Gebrauchsanweisung der Pfanne gelesen.

11 Gedanken zu „Zum Gebrauch von brauchen und gebrauchen

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    Lieber Charlie, ich habe gelernt: Wörter werden geschrieben und Worte werden in einer Rede verwendet.

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      Sorry, Heinrich, der Kommentar war im Spamtopf gelandet, das habe ich erst heute gesehen. Vielen Dank.

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    Ich empfinde “brauchen” nicht als Modalverb und es tut mir weh, jemanden sagen zu hören: du brauchst nicht kommen. Ich hatte einige Jahre einen Spezialarzt aus Nordwestdeutschland, der brauchen modal benutzte. Ich wagte es nicht, ihn zu korrigieren. Als Schweizer sowieso nicht.
    Brauchen kann auch “verwenden” bedeuten. Ich meine, hier die Bedeutung eines Wortes einzuengen, ist unnötig. Der Erlkönig sagte : so brauch ich Gewalt; nicht: so gebrauch ich Gewalt. Wer will sich über Goethe stellen? Ich nicht.
    Hingegen ist eine Unterscheidung zwischen anscheinend und scheinbar gut.

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      Vielen Dank für diese Einschätzung.

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    Zu … umgangssprachlich schon seit langem gutheißen: Für mich bedeutet das die Erwähnung eines häufigen Fehlgebrauchs, der in gutem Deutsch nichts zu suchen hat.

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      Weißt du, Jutta, für meinen Vater waren Tätigkeitswörter Verba, und Verben zu sagen oder gar zu schreiben schien ihm ein krasser und vulgärer Fehlgebrauch. Für mich sind die durch Leer- und Satzzeichen getrennten Textteile Wörter, und Worte scheint mir ein krasser und vulgärer Fehlgebrauch. So habe ich im Lauf der Jahrzehnte eingesehen – einsehen müssen – dass die Sprache lebt und die Jüngeren vieles ganz, ganz anders beurteilen als alle zuvor. Und das ist ihr gutes Recht.

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    Seltsam, meine Wörterbücher sich darin einig, dass brauchen sehr wohl die Bedeutung von „gebrauchen, verwenden, benutzen“ tragen kann. Und das keineswegs beschränkt auf eine umgangssprachliche, regionale oder etwa veraltete Verwendung des Worts.

    Dudens „großes Wörterbuch“ gibt folgende Beispiele: „etwas häufig, selten, oft b.; das kann ich gut, nicht [mehr] b.; Willst du nicht den Revolver b., mich zu hindern? (Dürrenmatt, Richter 88); kannst du die Sachen noch b.? (hast du noch Verwendung dafür?); seinen Verstand, seine Ellenbogen b.; er ist zu allem zu b. (ugs.; ist sehr anstellig); sie war heute zu nichts zu b. (ugs.; war zu keiner Arbeit imstande).“ [„Dürrenmatt, Richter 88“ steht für: Friedrich Dürrenmatt, Der Richter und sein Henker, rororo 1961, S. 88]

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      Hallo Charlie, danke für den Kommentar.
      Es ist in der Tat ein schwieriges Thema, an dem sich viele Geister scheiden. Ich denke, dass in zahlreichen Beispielen möglicherweise beiden Verben “fast” Synonym sein können, aber dennoch ein kleiner Unterschied besteht. Googelt man “brauchen gebrauchen Unterschied” bekommt man hierzu eine Menge aufschlussreiche Antworten, u.a. hier: http://de.wiktionary.org/wiki/brauchen. Ein weiterer interessanter Beitrag zu dem Thema ist unter http://www.deutschegrammatik20.de/spezielle-verben/verb-brauchen/ zu lesen. Beispiele aus der klassischen Literatur würde ich allerdings nicht anführen wollen, da sich “große” Autoren doch sehr viel mehr erlauben “dürfen” (das gilt übrigens auch für die französische Sprache).
      Wichtig ist mir, dass Sätze wie “sie wird jede Unterstützung gebrauchen” – wie ich ihn kürzlich in einem zu lektorierenden Text zu lesen bekam – nicht “durchgehen”, weil sie einfach nicht korrekt sind: Unterstützung kann man nicht GEbrauchen.
      Übrigens ist 1962 (ja) ein sehr interessanter Artikel zum Thema “brauchen/gebrauchen” in DIE ZEIT erschienen: http://www.zeit.de/1962/16/brauchen-gebrauchen.

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        Danke für deine hübschen Links, Giselle. Ich denke, hier geht es um mehrere Themen.
        Morphologisch überschneiden sich diese Wörter insofern, dass ihr Partizip Perfekt gleich lautet, nämlich gebraucht. Das ist wenig überraschend und sehr regelmäßig, selbst bei starken Verben: stehen und gestehen teilen sich das Partizip gestanden.
        Inhaltlich handelt es sich historisch betrachtet um eine Bedeutungserweiterung von „genießen, Nahrung zu sich nehmen“ zu „verwenden“ einerseits und – später und nur (?) im Falle von brauchen – zu „benötigen“ andererseits. Diese Bedeutungen sind natürlich eng verwandt; etwas Benötigtes schließlich auch zu verwenden, ist wohl der Normalfall.
         Es gab ein Zwischenstadium, in dem gebrauchen nichts als eine verstärkende Form von brauchen im Sinne von „verwenden“ war. Während diese emphatische Zusatzbedeutung von gebrauchen gänzlich verloren ging, nahm brauchen immer mehr seine modale Bedeutung an – modal sind Aussagen über Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit, Notwendigkeit oder Zufälligkeit – und wird nicht erst seit hundert Jahren oft auch syntaktisch wie andere Modalverben gebraucht, d. h. ohne ein den Infinitiv erweiterndes zu, was aber nie volle gesellschaftliche Akzeptanz fand.

        Im Einzelnen geht es um die Beantwortung folgender Fragen:
         1. Sollte der modale Gebrauch von brauchen ohne zu angesichts seiner Häufigkeit und in Analogie zu müssen, wollen usw. gesellschaftlich anerkannt werden? – Als Anhänger der deskriptiven Grammatik meine ich: ja, denn es ist weit verbreitet, z. T. auch unter Gebildeten. Präskriptive Grammatiker, also Sprachhüter wie Bastian Sick, lehnen das hingegen ab.
         2. Sollte der nichtmodale Gebrauch von brauchen („verwenden“) zugunsten von gebrauchen aufgegeben werden? – Meine Meinung: nein, wozu? Eine Herstellung von Eindeutigkeit im Wortgebrauch war immer eine idealistische Illusion, der wir nicht nachlaufen sollten. Doch vielleicht verschwindet diese Bedeutung ja ganz von selbst, auch wenn ich das im Moment nicht glaube, wenn ich mir die Dudenschen Beispiele ansehe.
         3. Sollte die Gesellschaft es zulassen, dass die Bedeutung von gebrauchen jetzt dieselbe Entwicklung durchmacht wie die von brauchen und eine Äußerung wie „sie wird jede Unterstützung gebrauchen“ akzeptabel wird? – Ich meine: sobald viele und auch hellere Köpfe das Wort so verwenden: ja. Aber bis dahin fließt sicher noch viel Wasser rheinabwärts.

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          Lieber Charlie, ganz herzlichen Dank für diese ausführliche Analyse.
          Zur morphologischen Frage: ja, das ist richtig.
          Zur inhaltlichen Frage:ja, wobei der letzte Satz (“etwas Benötigtes schließlich auch…”) nicht als Grundsatzregel ausgeweitet werden kann, will sagen: etwas Gekauftes muss ich nicht verwenden oder essen oder…
          Zu Deinen 3 Fragen: 1. Ich meine: nein, denn die Tatsache, dass eine Wendung weit verbreitet ist – auch unter sog. “Gebildeten” -, heißt noch lange nicht, dass es korrekt ist. Viele Menschen hier im Süden sagen “besser wie” oder “ich rufe Ihnen an” – und doch ist beides grammatikalisch nicht korrekt bzw. lediglich im Dialekt als geläufig anzusehen.
          2. Da stimme ich Dir zu.
          3. Nein, da gilt das, was ich auf Deine 1. Frage geschrieben habe. Ein extremeres Beispiel: In Baden kennen viele Menschen keinen Akkusativ und sagen “ich hab ein schöner Salat gegessen”. Wo kämen wir hin, wenn das zugelassen würde, nur weil Tausende und Abertausende es tagtäglich sagen? Meiner Liebe zu meiner Wahlheimat Baden tut dies keinen Abbruch, aber daran gewöhnen werde ich mich nicht.
          Übrigens: Bastian Sick würde ich nicht als “Sprachhüter” bezeichnen, er hat eine gute Marktlücke entdeckt und macht ganz gute Arbeit. Die Sprachhüter sind für mich die Fachleute vom Duden-Verlag. 😉

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            Bitte beachte, liebe Giselle, dass die von dir erwähnten „Fachleute vom Duden-Verlag“ die Verwendung von brauchen als Modalverb ohne zu umgangssprachlich schon seit langem gutheißen:

            […] 4. müssen: er braucht heute nicht zu arbeiten/(ugs. auch ohne zu:) braucht heute nicht arbeiten; […]

            Es dreht sich also lediglich um die Frage, ob damit aufgehört werden sollte, einen solchen Gebrauch – und damit die Gebraucher – in formelleren Situationen weiterhin zu verurteilen.

            P.S.
            Auch hier in Köln unterscheiden sich in der Mundart Nominativ- und Akkusativformen nur bei den Pronomina. Ich kenne jedoch niemanden, der das für gemeindeutsch hielte; die Menschen sind sich sehr wohl ihrer Zweisprachigkeit bewusst.

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