Karine Tuil: Die Liebeshungrigen

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Karine Tuil: Die Liebeshungrigen

Karin Tuils jüngster Roman „La guerre par d’autres moyens“, jetzt auch in deutscher Fassung

Lassen Sie sich vom irreführenden Titel der deutschen Fassung nicht täuschen. Karine Tuils Roman „Die Liebeshungrigen“ ist weder eine Liebesschnulze noch ein erotisches Epos. In dem packenden Gesellschaftsroman geht es um politische Macht und Machtverlust, um das Schwinden der bisherigen öffentlichen Identität eines Präsidenten, Dan Lehman, der nach seiner Abwahl in eine tiefe und bittere existentielle Krise fällt. Es geht um Ruhm und verlorenen Ruhm, um Neid und Missgunst, um elitäre Seilschaften und verlogene (profitable) Freundschaften, aber auch um positive Aspekte wie Respekt und moralische Konsequenz.

Die in Paris lebende Autorin Karine Tuil ist Jahrgang 1972, Juristin, Mutter dreier Kinder. Mit ihrem Roman hält sie dem Polit- und Elite-Milieu Frankreichs, in dem der abstürzende Ex-Präsident als einer der zentralen Protagonisten des „Geklüngels“, der das Ganze nur dank starker Beruhigungsmittel und Alkohol erträgt, mit fein beobachteten Pinselstrichen skizziert wird, einen unbarmherzigen Spiegel vor. In jener Welt toxischer Männlichkeit, in der das auch mittels chirurgischer Eingriffe erzielte Schönsein sowie die Selbstinszenierung kaum zu überbieten sind, ringen viele nach Aufmerksamkeit, Bewunderung und, ja, nach Anerkennung und Ehrerbietung – vermutlich kam man im deutschen Verlag so auf den deutschen zunächst irritierenden Titel „Die Liebeshungrigen“. Der Originaltitel „La guerre par d’autres moyens“, zu dt. „Der Krieg durch andere Mittel“, bezieht sich darauf, dass Politik, Medien und Liebesbeziehungen von den Protagonisten nicht etwa als emotionale und/oder angenehme, friedliche Lebensbereiche empfunden werden, sondern als Mittel, ja sogar als Waffen, die den fortgesetzten Machtkämpfen und brutalen Konkurrenzkämpfen dienen – eben „Krieg mit anderen Mitteln“.

Das Zitat geht übrigens auf den preußischen Militärtheoretiker Carl von Clausewitz (1780-1831) zurück. In seinem posthum veröffentlichten Hauptwerk Vom Kriege heißt es in Buch 1, Kapitel 1: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Karine Tuil wandelt das Zitat um und beleuchtet, wie die Medien heute die eigentlichen Kampfarenen der Macht sind. Man denke nur daran, wie auch hier in Deutschland ein „zum richtigen Zeitpunkt“ in den social media veröffentlichtes Video mit einer sehr ungeschickten dümmlichen Äußerung über Wahlerfolg, Ansehen und Einfluss entscheiden kann.

Die für viele faszinierende und vermeintlich erstrebenswerte Pariser Polit- und Elitewelt wird schonungslos, jedoch keineswegs plakativ und schon gar nicht plump porträtiert. Die Autorin zeichnet meisterhaft ein aktuelles Bild Zeitgeschichte. Sie beobachtet mit hoher Präzision, Feinfühligkeit und Scharfsinn, wie Macht entsteht, wie sich verschiebende Machtverhältnisse und zerstörerische Machtstrukturen hier und da auswirken und wie der schwindende Einfluss zum Absturz eines narzisstischen, nach Macht, Prestige und Bewunderung gierenden Menschen führt, während andere Menschen um ihn herum Erfolg, Respekt und Aufmerksamkeit erfahren. Während der Ex-Präsident in die für ihn schmerzhafte Bedeutungslosigkeit versinkt, gelten seiner Ex-Frau als Schriftstellerin und seiner zweiten deutlich jüngeren Frau als Schauspielerin Ruhm und Beachtung. Hier und da entsteht der Eindruck, dass sich die Autorin geläufiger Klischees bedient: der alternde narzisstische Mann, die für eine Jüngere verlassene Ehefrau, der Umgang mit Alkoholismus als vermeintlicher Lösung … Aber gehören solche Figuren nicht zum Polit- und Medien-Milieu eines jeden Landes? Die Yellow Press lebt davon …

Die in Karine Tuils Roman gezeichneten Charaktere sind keineswegs übertrieben dargestellt, sondern authentisch gezeichnet. Tuils Sprachstil ist pointiert, präzise, klar, bisweilen distanziert und schonungslos, aber stets angemessen und angebracht. Jede Romanfigur hat ihren eigenen unverwechselbaren Tonfall, was das Ganze ungemein spannend macht. Trotz der Komplexität der Thematik und der Vielschichtigkeit liest sich der Roman flüssig.

Die Liebeshungrigen“, Originaltitel „La guerre par d’autres moyens“, ist ein echter Pageturner, der die Leserin und den Leser sofort in den Bann zieht. Mitreißend und sehr empfehlenswert – nicht nur für Frankreich- oder Paris-Liebhaber und -Kenner. Und wer die Politik Frankreichs in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, fühlt sich hier und da an einen Ex-Präsidenten samt Ehefrau erinnert. Alles Zufall, heißt es. Honni soit qui mal y pense.

Wer kann, sollte den Roman unbedingt in der Originalsprache Französisch lesen, obgleich die deutsche Fassung der Übersetzerinnen Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch gut ist.

ISBN : 978-3-423-28522-3
Erscheinungsdatum: 15.05.2026
Auflage, 400 Seiten
Aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch
Hardcover 25,- €
E-Book 18,99 €
Hörbuch 15,69 €

Preis in Frankreich: 22,- € (format relié), 9,20 € format poche

(*) Im Hinblick auf eine bessere Lesbarkeit wird das generische Maskulinum verwendet.