Übersetzen: Was ist das?

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Übersetzen: Was ist das?

Mehr als nur Wörter austauschen – ein komplexer Vorgang.

Vor dem Hintergrund der KI-Entwicklungen erscheint es mir notwendig zu erklären, was Übersetzen überhaupt ist. „Unter Übersetzung versteht man in der Sprachwissenschaft einerseits die Übertragung der Bedeutung eines (meist schriftlich) fixierten Textes einer Ausgangssprache in eine Zielsprache; anderseits versteht man darunter das Ergebnis dieses Vorgangs“, so Wikipedia.

Übersetzen ist ein Vorgang, der wesentlich komplexer und vielschichtiger ist, als der Laie es vermutet. „Meine Tochter hatte Französisch als Leistungskurs, sie könnte auch als Übersetzerin arbeiten“, erzählte mir kürzlich eine zufällige Gassi-Bekanntschaft. So, so … Das inspirierte mich zu dieser ausführlichen Erläuterung, die möglicherweise auch unwissenden oder leichtgläubigen Anfragern vorgelegt werden kann – für ein besseres Verständnis dessen, was ein Übersetzer* macht, wenn er … übersetzt.

Hinweis: Wie immer schreibe ich nicht für oder im Namen meiner Kollegen, die Literatur übersetzen. Dennoch glaube ich, dass im Folgenden das eine oder andere auch auf sie zutrifft.

“A language is not just words. It’s a culture, a tradition, a unification of a community, a whole history that creates what a community is. It’s all embodied in a language.”
Noam Chomsky

 Die Kunst des Übersetzens

Sie liegt im Wesentlichen im Umschreiben, in der nicht wörtlichen, jedoch sinngetreuen kreativen Umformulierung. Sie  entspricht einem Prozess, der nicht nur das konstruktive Aufbauen eines Satzes in der Zielsprache beinhaltet, für das das Verstehen der Wörter ausreicht. Vielmehr spielt die Intuition, wie Prof. Hönig (Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft sowie Translationstechnologie, ASTT, früher: Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft, FASK, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim) schrieb, und deren Erkennung und effektive Anwendung eine große Rolle. Beim Übersetzen – das gilt ebenfalls für Fachtexte – bedarf es auch einer emotionalen Intelligenz, der Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, zu interpretieren, falsche Freunde zu erkennen, Wortspiele zu übertragen und den Text an die jeweilige Zielgruppe anzupassen. Hinzu kommen natürlich die fremdsprachliche, die muttersprachliche und (bei Fachtexten) die fachsprachliche Kompetenz.

Louis Truffaut, Dozent an der Universität Genf in der Schweiz, schrieb schon vor Jahren:

« En effet, pas plus qu’elle ne consiste à décalquer des mots, la traduction ne consiste à décalquer des phrases ni un texte : la traduction n’est pas la reproduction d’un texte mais une production de texte. » (Le cours pratique de traduction, Trois exemples (couple allemand-français), Louis Truffaut, Meta, Volume 50, Numéro 1, Mars 2005, p. 9–27)

Etwa: „Beim Übersetzen geht es nicht darum, Wörter abzukupfern, und ebenso wenig darum, Sätze oder einen Text abzukupfern: Übersetzen ist nicht die Wiedergabe eines Textes, sondern die Produktion eines Textes.“

An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen, meinen ehemaligen und leider viel zu früh verstorbenen Dozenten Hans Hönig nochmals zu zitieren:

„ … Dies könnte er jedoch nur wissen, wenn ihm jemand erklärt hätte, weshalb der Übersetzungsvorgang mit dem Austauschen von Wörtern sowenig gemeinsam hat wie das Schachspielen mit dem Verrücken von Schachfiguren.“ (Konstruktives Übersetzen, Hans G. Hönig, Stauffenburg Verlag, 1995, Seite 13)

 Die innige Beziehung zwischen Übersetzer und Text

Der Übersetzer „empfängt“ den Text anders, er nimmt ihn vielschichtiger wahr als Herr Mustermann, der „normale“ Leser, der in der Regel lediglich den Inhalt aufnimmt, und sicher auch als die KI. Der Übersetzer ist mit seinem prall gefüllten Lebens-, Wissens- und Werkzeugkasten im Kopf dreihundertprozentig bei der Sache:

  • Er konzentriert sich auf den Text;
  • Er erkennt dessen äußere Erscheinung wie Format, Länge usw.;
  • Er erfasst den Zweck des Textes, das Thema, den Schwierigkeitsgrad, den Hintergrund, das Sprachregister;
  • Er erspürt mit feinen Antennen Zwischentöne, ggf. Ungeschriebenes, Vergessenes und somit eine emotionale Komponente;
  • Er identifiziert ggf. Schreibfehler, Sinnfehler usw.
  • Ihm fallen Inkonsistenzen in der Terminologie auf.

Der erfahrene Übersetzer „sieht“ und „spürt“ den Zieltext in seinen groben Formen. Er geht nicht nach der Methode vor „Wort A in der Ausgangssprache X“ bedeutet „Wort F in der Zielsprache Y“. Er löst sich vom einzelnen Wort, vor allem von der Entsprechungsliste im Wörterbuch. Er erfasst die Wörter als Worte, als Botschaft, als Sinn in einem bestimmten Kontext und in einem bestimmten Sprachregister und formuliert diese um – wie zufällig in der Zielsprache – und zwar so, wie es der Adressat des Textes, der nicht zwangsläufig der Ausgangssprache mächtig ist (zumindest nicht zwangsläufig so wie der Übersetzer) – sie ausdrücken würde. In der französischen Translationswissenschaft wird dieser Vorgang „comprendre, déverbaliser et reverbaliser“ bezeichnet. Gemeint ist, vereinfacht erklärt, dass im ersten Schritt der Text verstanden (comprendre), der Sinn erkannt werden muss. Der zweite Schritt besteht darin, dass sich der erfahrene Übersetzer im Kopf vom Quelltext löst (déverbaliser) und eine Art „Sinnwolke“, wie ich es immer nenne, bildet. Schließlich wird die Sinnwolke in der Zielsprache ausformuliert (reverbaliser = réexprimer), wie ein Muttersprachler der Zielsprache es sagen würde – selbstverständlich unter Berücksichtigung aller Aspekte wie Zielgruppe, Stilebene, Sprachregister usw. Was hier für Branchenfremde möglicherweise kompliziert erscheint, passiert im Übersetzerkopf blitzschnell.

Allerdings: Es erfordert eine gute Portion Talent und wird im Studium auch geübt, später im Arbeitsalltag kontinuierlich trainiert und gerade beim Diktieren von Übersetzungen mit einer Spracherkennungssoftware wie zum Beispiel Dragon NaturallySpeaking sozusagen auf die Spitze getrieben.

Und wie übersetzt KI?

KI übersetzt, indem sie komplexe Algorithmen, neuronale Netze und unfassbar große Mengen an Trainingsdaten nutzt, um Muster in Sprachen zu erkennen und zu lernen, wie Wörter und Sätze vom Original in den Zieltext umgewandelt werden. Dabei werden die Bedeutungen und der Kontext von Wörtern erfasst, um möglichst genaue, korrekte und flüssige Übersetzungen zu erstellen. Die Qualität der KI-Übersetzung hängt stark davon ab, wie gut die KI den Kontext versteht, da falsch interpretierte Sinnträger zu Fehlinformationen oder sogar zu peinlichen Fehlern führen können. KI verwendet komplexe neuronale Netze und Deep-Learning-Methoden, die helfen, Muster und Regeln sowie die Beziehungen zwischen Wörtern, Satzteilen und ganzen Sätzen in den untersuchten Sprach- und Textdaten zu analysieren, erkennen und zur Generierung einer möglichst guten Übersetzung zu nutzen.

Ob, wenn überhaupt, die KI eine Gefahr für Übersetzer ist, habe ich bereits in mehreren Blogartikeln behandelt, unter anderem in dem Beitrag Übersetzerberuf – keineswegs todgeweiht (09/2025) oder in KI – Droht den Übersetzern das Aus? (08/2024). Selbstverständlich entwickelt sich die KI kontinuierlich weiter. Deshalb bin ich fortlaufend dabei, dieses Thema aus nächster Nähe zu beobachten. In Kürze berichte ich hier über ernüchternde Erfahrungen, die Firmen mit KI-basierten Übersetzungstools gemacht haben.

Header-Foto: TheDigitalArtist, Pixabay

(*) Hinweis: Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wird in meinen Artikeln auf die geschlechtsspezifische Schreibweise verzichtet und das generische Maskulinum verwendet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen und Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.