Wie der Perspektivwechsel hilft, Konflikte zu entschärfen.
Dass der Perspektivwechsel in vielen Bereichen sinnvoll sein kann und ganz neue Aspekte für das eigene Leben einschließlich Berufsleben entdecken lässt, habe ich bereits in Teil 1 beschrieben. Der Perspektivwechsel ist jedoch auch ein wichtiges Tool zur konstruktiven Konfliktlösung.
Das Ich und das Andere
Es ist einfach, einen Menschen aufgrund einzelner Verhaltensweisen und/oder Handlungen zu be- und verurteilen: „Der Typ / die Frau ist untragbar. Was maßt der / die sich überhaupt an? Pure Überheblichkeit!“ – So oder so ähnlich hat wohl jeder schon einmal über eine andere Person gedacht. Empörung und Verärgerung machen sich breit: „Nein, das geht gar nicht!“
Alles, was ein Mensch wahrnimmt, sieht er durch seine eigene Brille. Und wenn er der Meinung ist, dass das Verhalten der Person X „untragbar“ ist, tja, dann ist er auch davon überzeugt, dass das so ist. Nicht wenige wenden da im Dialog auch gerne den Trick an, dass sie der Person sagen: „Ich bin nicht allein mit dieser Meinung“. Pah! Da kann es doch nur so sein und nicht anders.
Dabei wäre es gar nicht verkehrt, einmal darüber nachzudenken, warum diese Person die vermeintlich „untragbare“ Verhaltensweise gezeigt hat. Nicht die Betrachtung der unmittelbaren (vermeintlichen) Ursache des angeprangerten Verhaltens, sondern der tiefen Ursache könnte helfen, Verständnis zu entwickeln.
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WICHTIG: In diesem Kontext sprechen wir nicht über eine singuläre Kurzverhaltensweisen eines Senders wie beispielsweise das Fehlen eines Dankeschöns, eines Grußes im Vorbeigehen, eine patzige Antwort, ein Grinsen, ein schnippiges Unterbrechen oder Ähnliches. Diese Dinge haben zwar auch meist eine tiefere Ursache (warum hat sich X gerade in dem Moment so verhalten, anstatt z. B. danke zu sagen, zu grüßen, nicht patzig zu antworten oder einfach zu schweigen, seine Mimik eher neutral anzulegen, nicht zu unterbrechen …?). Die andere Person bzw. anderen Personen nimmt bzw. nehmen das zwar wahr, aber diese Wahrnehmungen stellen in sich keinen Konflikt zwischen dem Sender und der bzw. den Personen dar, sie werden lediglich als Unhöflichkeit und Fehlbenehmen empfunden.
Mein Gepäck – dein Gepäck
Jeder Mensch trägt ein unsichtbares Gepäck mit sich herum, das sich im Laufe eines Lebens immer mehr füllt. Das Gepäck ist dafür verantwortlich, wie der einzelne Mensch denkt, sich verhält und welche vermeintlichen Fehler er macht, kurz: warum er in seiner Persönlichkeit zu dem geworden, was oder wie er ist.
Die Veranlagung, die in früheren Jahrhunderten herangezogen wurde, um Menschen in Kategorien wie „gut“ und „böse“ einzuteilen, spielt da nur eine untergeordnete Rolle. Erwiesen ist allerdings, dass frühkindliche Erfahrungen durchaus zum Tragen kommen und den Umgang mit Stress, Selbstberuhigung, Impulshemmung, Bindung und Empathie beeinflussen – positiv oder negativ. Das Umfeld, die mitgegebenen Werte, die Erziehung, die einzelnen Erfahrungen auch im Erwachsenenleben und vieles mehr prägen den Menschen und machen aus ihm das, was er zum Zeitpunkt Z gerade ist. Denn das ändert sich selbstverständlich mit jedem neuen tiefgreifenderen Erlebnis. Kaum etwas bleibt spuren- und folgenlos – und wenn es nur in einem Traum verarbeitet wird – es bleibt im Bewusstsein oder im Unterbewusstsein. Weitere äußere Einflüsse, die nie ausbleiben, wirken kontinuierlich auf den Einzelnen ein. Durch die Sozialisation erwirbt der Mensch außerdem Normen, Verhaltensmuster, Standards und Einstellungen, die mit allem anderen Erwähnten seine Persönlichkeit ausmachen.
Beispiel:
In meinem persönlichen Gepäck trage ich ganz sicher meine bikulturelle Herkunft, die mehr Einfluss hat, als so mancher glaubt. Der schulische Werdegang in Frankreich ist hier lediglich eine Facette. Die Zweisprachigkeit bedeutet eine emotionale und soziale Zugehörigkeit zu zwei unterschiedlichen Kulturkreisen. Und Sie können mir glauben: Es bestehen durchaus mehr große Unterschiede zwischen der französischen und der deutschen Kultur als nur beim Essen. Allein die Art der Kommunikation macht enorm viel aus: Deutschland gehört zu den sogenannten Low-Context Kulturen (E. T. Hall). Low-Context bedeutet, dass die Kommunikation direkt, faktenorientiert und mit offener Kritik verläuft. Der französische Kulturkreis hingegen gehört zu den sogenannten High-Context Kulturen (E. T. Hall), in der die Kommunikation mit mehr Diplomatie und mehr Emotionen umgesetzt wird. Zu diesem Thema ein anderes Mal mehr.
Meine Standards – deine Standards
All das Erwähnte – Erziehung, Sozialisation und vermittelte Werte, kulturgeprägte Verhaltensmuster, aber auch die unterschiedlichen Gefühle, Gedanken, Erwartungen, Interessen, Bedürfnisse, Vorstellungen usw. – hat sich im Laufe meines Lebens in einer bestimmten Art und Weise angesammelt, für andere Menschen in anderer Form, denn für jeden einzelnen Menschen hat sich im Laufe seines jeweiligen Lebens etwas anderes ergeben und entwickelt. Nennen wir es „Standards“ oder „Background“.
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Perspektivwechsel – was bringt’s?
Im Normalfall, sprich im Alltag, kommen wir mit Standards, die wie auch immer „anders“ sind, mehr oder weniger klar. In der Konfliktsituation wird alles kompliziert, jedes Detail bekommt mehr Gewicht und erscheint uns als schwer zu akzeptieren. Wir ärgern uns, steigern uns womöglich in das Problem hinein, und ganz schnell entsteht eine zunächst aussichtslose Situation. Schade.
Der Perspektivwechsel gibt uns die Möglichkeit, unseren Blickwinkel zu erweitern und die Sichtweise der anderen Person gedanklich zumindest ansatzweise einzunehmen. Damit gewinnen wir neue (andere) Erkenntnisse, lernen neue (andere) Standards kennen, ermitteln Motive im bemängelten Verhalten des Konfliktgegners und kommen so zu (mehr) Verständnis, wodurch Spannungen abgebaut werden können. Der Perspektivwechsel ist somit, wie eingangs erwähnt, ein wichtiges Tool zur konstruktiven Konfliktlösung.
Wichtig: Die Sichtweise der anderen Person gedanklich einzunehmen bedeutet nicht, dessen Sichtweise zu übernehmen und die eigene aufzugeben. In diesem Kontext beschreibt Perspektivwechsel die Fähigkeit, neben der eigenen Sichtweise auch andere Ansichten zu Themen und fremden Verhaltensweisen zu verstehen und zu akzeptieren, wobei „annehmen / akzeptieren“ nicht bedeutet, dass die eigenen Meinungen über Bord geworfen werden sollen – es geht einzig und allein um das Verständnis für den anderen.
Perspektivwechsel – wie geht’s?
Im Rahmen einer Mediation werden Medianden gebeten, einen anderen Blickwinkel anzuwenden. Doch in den seltensten Konfliktfällen ist eine Mediation durch eine dritte (ausgebildete) Person gegeben oder möglich.
In allen anderen Fällen ist man auf den good will des Anderen angewiesen – wobei das reziprok gilt. Folgende Schritte können helfen:
- Suchen Sie im ersten Schritt das Gespräch. Versuchen Sie nicht, es zu erzwingen, sondern bieten Sie es an, ohne auf Details des Konflikts einzugehen. Also nicht etwa: „Wir müssen unbedingt reden, weil du …“.
- Im Gespräch ist es wichtig, dass jeder Zeit hat, seine Sichtweise zu erklären, ohne unterbrochen zu werden, aber auch ohne Vorwürfe zu äußern. Hier helfen Ich-Sätze und die Schilderung Ihrer Gefühle. Beispiele:
Ich habe mich vor den Kopf gestoßen gefühlt, als ich gesehen habe, dass du …
Ich war tief verletzt, als du gesagt hast, dass … - Möglicherweise beruht alles auf einem Missverständnis, dann dürfte die Sache schnell geklärt sein.
- Falls nicht, sollte dann jede Person erklären, warum sie so oder so reagiert hat, warum sie dies oder jenes gesagt usw., aber nicht mit Vorwürfen, also nicht „Ich habe das gesagt, weil du …“. Jetzt wird auf den Perspektivwechsel umgeschaltet.
- Wichtig: Sagt Ihnen Ihr Gegenüber, dass er durch eine Ihrer Verhaltensweisen verletzt wurde, dürfen Sie nicht mit (neuen/anderen) Vorwürfen entgegnen. Akzeptieren Sie, dass die Person verletzt war oder ist. Daran ist nichts zu ändern, es ist eine Frage der Wahrnehmung dieser Person. Versuchen Sie vielmehr zu verstehen, warum sie verletzt ist.
- Suchen Sie nicht die Konfrontation, sondern die Gemeinsamkeiten, auch wenn diese sehr gering oder auf den ersten Blick inexistent sind.
- Es geht nicht darum, dass eine der beiden Personen als Siegerin aus dem Konflikt hervorgeht. Das Ziel ist eine sog. niederlagelose Konfliktlösung, bestenfalls eine Win-win-Lösung. Es geht auch nicht darum, dem anderen sagen zu müssen, dass er Recht hatte. Die Situation ist, wie sie ist; sie ist durch bestimmte Umstände entstanden und durch den Background jedes Beteiligten eskaliert.
- Es geht nur darum, schadlos aus der Sache herauszukommen, den berühmten „Schwamm“ zu bemühen und einen Neuanfang zu finden.
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Perspektivwechsel im interkulturellen Kontext
Der Perspektivwechsel im interkulturellen Kontext ist oft besonders schwierig, auch wenn die beteiligten Personen der Meinung sind, sie kennen den jeweils anderen Kulturkreis gut oder sehr gut. Es gilt, die unterschiedlichen kulturellen Werte, Normen, Traditionen, Prägungen usw. zu „ermitteln“ und zu verstehen.
Zu verstehen, warum eine Person in einer bestimmten Situation so oder so gehandelt hat, ist das A und O und könnte den eigentlichen Konflikt völlig auflösen. Bei der tiefen Ursache könnte auch (evtl. zusätzlich zum unterschiedlichen Kulturkreis) der berufliche Werdegang eine Rolle spielen.
Gegenseitiges Verständnis, das berühmte „Aha, ach so, wusste ich nicht, war mir nicht klar“, ist die einzige Lösung, die einen Neuanfang für die beiden ermöglichen.
Es ist übrigens nicht hilfreich zu sagen, man habe das konfliktverursachende Verhalten von A „immer wieder geschluckt“. Hätte B schon beim erstenmal höflich und freundlich darauf hingewiesen, wäre es wohl nicht zu dem Konflikt gekommen.
Fazit
Konflikte durch Perspektivwechsel zu lösen ist eine effektive Methode, um festgefahrene Situationen aufzubrechen, gegenseitiges Verständnis zu fördern und nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Dabei wird die eigene Sichtweise erweitert, um die Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse der anderen Konfliktpartei nachzuvollziehen.
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