Verzicht neu lernen?

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Verzicht neu lernen?

Von der Notwendigkeit, das zu tun, was viele schon seit Langem müssen: verzichten.

In Deutschland und Frankreich – für andere Länder in Europa und im Rest der sog. entwickelten Welt will ich mir kein Urteil erlauben – leben die meisten Menschen wie die Made im Speck. Diese Menschen haben nicht nur ein Dach über dem Kopf und mehr als ausreichend zu essen, sie schöpfen aus dem Vollen, konsumieren auf Teufel komm raus und jammern dennoch auf hohem Niveau. So kann sich seit etwa fünf Jahrzehnten (fast) jeder alles leisten, was er sich im täglichen Leben so wünscht, einschließlich mehrerer Urlaubsreisen im Jahr. Zehn Tage auf den Malediven, zwei Wochen USA, drei Konzerttickets, stets das neuste Smartphone-Modell, Alexa, Netflix und Prime obendrein …

Dass mindestens 500 Millionen Menschen rund um den Globus hungern, keinen (regelmäßigen und ausreichenden) Zugang zu Wasser, Toiletten, Bildung, medizinischer Versorgung usw. haben und vielfach ausgebeutet werden, damit wir in der westlichen Welt T-Shirts für 3 Euro bei Primark & Co. kaufen können, wird einfach verdrängt. Dass auch in unserem ach so reichen Land Menschen wohnungslos sind, wird allenfalls in einem TV-Film wie dem Kölner Tatort „Wie alle anderen auch“ aus dem Jahr 2021 plakativ gezeigt. Dass sich auch bei uns viele Menschen aufgrund der hohen Mieten ihre Wohnung kaum noch leisten können, Menschen drei oder vier Jobs haben, um über die Runden zu kommen, und auf Nahrungsmittelspenden angewiesen sind – auch das wird oft vergessen. Und nicht wenige posaunen dann: He, in Deutschland wird doch für diese Leute gesorgt. Echt jetzt? So einfach ist das nicht. Aber auch das ist wieder ein anderes Thema.

Pandemie – und jetzt?

Und plötzlich kam die Pandemie. Keine Partys mehr, keine Konzerte, keine Reisen, keine ausgiebigen Shoppingtouren … Es wurde zwar gestöhnt und gemeckert, aber gut – es war erst einmal nicht zu ändern. Auf der Konsumseite wurde es schweren Herzens akzeptiert, auf der Leistungsseite gingen Umsätze und noch mehr verloren, Existenzen waren gefährdet – und nicht selten mehr als das. Man besann sich jedoch: Flugreisen, braucht man die? Konzerte, geht doch auch ohne? Restaurantbesuche, Partys? Kultur? Überflüssig? Ganz so einfach war und ist das nicht.

Und im dritten Jahr der Pandemie brach gar nicht so weit weg von uns der Krieg aus. Der kam nicht so überraschend, wie viele es glauben, aber das ist auch wieder ein anderes Thema. Zu den pandemiebedingten und der extremen Globalisierung geschuldeten Lieferengpässen gesellten sich nun eine dicke Energiekrise und eine dramatische Teuerung der Lebenshaltungskosten, wie wir sie seit den 1970er Jahren nicht mehr erlebt hatten. Und plötzlich hieß es, wir müssen sparen. Gas sparen, Strom sparen, aber auch straffer haushalten, um mit den höheren Lebenshaltungskosten zurechtzukommen.

Wie bitte: sparen?

Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich belächelt, weil ich in einem einschlägigen Fachforum (social media) sowie (noch vor der Pandemie) den Leserinnen und Lesern meines Fachbuchs „Das große 1×1 für selbstständige Übersetzer“ empfohlen habe, für Liquidität zu sorgen und entsprechend sparsam mit den eigenen materiellen Ressourcen umzugehen. Da kommentierte eine Kollegin in besagtem Fachforum: „Das ist halt immer wieder der blöde Spruch der älteren Generation“, und mit dem Zusatz „no offense“ glaubte sie, der Kommentar sei in Ordnung.

Kurzer Generationenkompass

Meine Elterngeneration, die sog. stille Generation (Jahrgänge 1925 bis 1945), wusste allzu gut, was Verzicht bedeutet. Auch die Nachkriegskinder konnten lange nicht aus dem Vollen schöpfen und mussten sich den Gegebenheiten anpassen, sprich: den Gürtel, der im Krieg ohnehin schon sehr eng geschnallt war, einfach so belassen. Wohlgemerkt: Niemand wünscht irgendjemandem Zustände wie „damals“ zurück. Aber ist es nicht an der Zeit, über Konsum nachzudenken?

Spätestens in der Zeit des Wiederaufbaus, aus der sich die sog. 1968er Generation (sog. Babyboomer) rekrutiert, war die Welt zunehmend „wieder in Ordnung“. Man konnte sich häufig(er) Fleisch – den berühmten Sonntagsbraten, damals ein wichtiges Kriterium – leisten und lernte sogar exotische Früchte, die erste Pizza und chinesische Speisen kennen. Man fuhr mit der Vespa oder gar dem eigenen Auto in Urlaub an die italienische Riviera, hatte vielleicht auch einen Schrebergarten oder einen Dauercampingplatz.

Die Generation X (1965 bis 1980), die auch als „vergessene oder übersehene“ Generation bezeichnet wird, hat noch von den Eltern einen bedachten Umgang mit Geld und vor allem das Sparen fürs Eigenheim und für schlechte Zeiten gelernt. Die Gen X’ler bilden aktuell in Deutschland die Gruppe mit dem höchsten Durchschnittseinkommen (einschl. Renten). Etwa zwei Drittel sind Eigentümer einer Immobilie (Stichwort Bausparvertrag, den sie oft schon als Kind zur Konfirmation geschenkt bekamen, dabei hätten sie doch lieber etwas anderes bekommen).

Die Generation Y (auch Millenials), die erste Generation, die vollständig digitalisiert und vernetzt, aber auch behütet aufwuchs, hat überwiegend materielle Sicherheit erfahren. Sie gilt als „Nachfragegeneration“, daher dient das englische Wort „why“ (ausgesprochen wie der englische Buchstabe Y) für „warum“ als Namensgeber. Für sie wird die Welt endgültig zum globalen Dorf. Denn Billigflugreisen bringen sie in die entlegensten Winkel der Welt, und das Internet informiert beinahe „live“ über das, was in der Welt geschieht.

Es folgt die Generation Z, auch Zoomers genannt (1997-2012), und dann die Generation Alpha (frühe 2010 – Mitte 2020er Jahre). Große Teile beider Generationen werfen ihren älteren Mitmenschen gerne vor, durch nicht nachhaltiges Konsumverhalten ihre Zukunft zu verspielen. Insbesondere zum Schutz der Umwelt werde zu wenig getan – Verzicht üben fällt der Generation Z selbst jedoch schwer, so die Studie 2022 „Future Needs der Generation Z“ des ECC Köln, gestützt durch Statista (Stat. Bundesamt). Smartwatch, social media (eher Insta als FB), Podcasts und Blogs, per Flieger zum Konzert oder zum Shoppen, Bestellungen bei Amazon & Co. (was nicht gefällt, wird zurückgeschickt, das ist CO2-sparend – oder?), Streaming on Demand (Netflix & Co.), ganz viele Apps usw., all das gehört zum Alltag, bestätigt eine Umfrage von pwc (PricewaterhouseCoopers), bei der 10.000 Vertreter dieser Generation befragt wurden. Während die Vertreter der stillen Generation, die Babyboomer und die Gen X’ler noch den Glaubenssatz „Erfolg ist harter Arbeit zu verdanken“ praktizierten, sind bei den Gen Y’lern und Gen Z’lern (laut o. g. Umfrage) eher folgende Verhaltensmuster festzustellen: Warum im Job Verantwortung und Belastungen auf sich nehmen? Lieber geregelte und verlässliche Arbeitszeiten. Geringer Wunsch nach klassischer Karriere. Sinn und Selbstverwirklichung werden angestrebt.

Wenn Verzicht zum Thema wird

Was früher Notwendigkeit und bitterer Lebensernst war, wird heute Gegenstand öffentlicher Debatten und muss heute wissenschaftlich erörtert werden. Da fasst sich so mancher, der 50+ ist, an den Kopf. So fand am 27. Juni 2023 eine Podiumsdiskussion der Universität Würzburg statt, bei der schon die Fragestellungen nachdenklich machen: „Welche Kompetenzen brauchen Menschen, um sich in den alltäglichen Angebotsstrukturen so zu bewegen, dass sie ihre individuellen Bedürfnisse befriedigen können, dass dies aber nicht zu Lasten anderer geht? Wie erreichen wir einen reflektierten Umgang mit eigenen Wünschen, der auch die Möglichkeit auf Verzicht einschließt? Was müssen wir dafür lernen? Und welche empirischen Befunde und Beispiele gibt es für diese Lernprozesse?“ – so die damalige Presseverlautbarung der Universität Würzburg. Am Ende ging es um „Verzichten – müssen, können, lernen“.

Im April 2023 fand der erste Teil der Reihe und im Mai der zweite Teil zum Thema Verzicht statt. Der Mitschnitt von Teil 1 steht hier und der Mitschnitt von Teil 2 hier zur Verfügung.

Selbstverständlich kann niemand etwas dafür, in welche Generation sprich Zeitspanne er hineingeboren wurde. Aber ich finde, mehr Verständnis füreinander und weniger Vorwürfe oder Unterstellungen sollten schon drin sein im Generationenpakt. Und letzten Endes erfahren wir heute tagtäglich hautnah, dass die Wirtschaft in Deutschland nicht mehr brummt – zumindest nicht mehr so wie einst, dass Vieles teurer wird und so mancher Berufszweig es nicht mehr so leicht hat wie noch vor ein paar Jahren – nicht zuletzt aufgrund des Erstarkens der Künstlichen Intelligenz.

Wer sich näher mit dem Thema Konsum bzw. Verzicht befassen will, dem empfehle ich Prof. Ingo Balderjahn von der Universität Potsdam, der in einem Podcast über sein hochinteressantes und kurzweiliges Buch „Lust auf Verzicht“ spricht.